08.08.2019

Integration: Die Türen der Vereine müssen offen sein – für jeden

Der HFV-Integrationsbeauftragter im Interview

Murat Yilmaz ist der Integrationsbeauftrage im Hamburger Fußball-Verband (HFV). Er ist selber Schiedsrichter mit Migrationshintergrund, kennt die Vorurteile und Probleme von den Fußballplätzen. Im Interview mit Judith Rönnau spricht er über seine Arbeit im Verband, die aktuelle Situation und darüber, was jeder einzelne unternehmen kann.


Das Interview in voller Länge gibt es auch als Video




Frage:
Murat, du bist der Integrationsbeauftragte des Hamburger Fußball-Verbandes – wie und wann ist es dazu gekommen?
Murat: Ich bin seit 2010 als Kommissionsmitglied in der Kommission für gesellschaftliche und soziale Verantwortung. Ende 2018 hat Claudia (Claudia Wagner-Nieberding – Vorsitzende und Beauftragte für gesellschaftliche und soziale Verantwortung des HFV) mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte als Integrationsbeauftragter im Verband weiterzumachen.

"Ich möchte den Menschen helfen“

Yilmaz (links) mit Vertretern des HFV und Vereinen mit ethnischen Hintergründen

Frage: Warum hast du dich dazu entschlossen diese Aufgabe zu übernehmen?
Murat: Da meine Wurzeln aus der Türkei kommen, kann ich mich sehr gut in Menschen mit Migrationshintergrund hineinversetzen – besonders wenn sie mal Probleme haben und nicht weiterkommen. Sei es im Fußball oder in der Bürokratie. Ich weiß, wie sie sich fühlen und kann ihnen dann helfen. Ich möchte den Menschen einfach helfen.

Frage: Wie sieht deine Arbeit als Integrationsbeauftragter aus? Was genau machst du?
Murat: Wir arbeiten an Projekten, an Veranstaltungen, sind ständig in der Kommunikation mit Vereinen, Mitbürgern, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben, sondern woanders, und mit Flüchtlingen und versuchen dort die Integration durch den Fußball optimaler zu gestalten und auch hinzubekommen.

Frage: Was macht für dich die Arbeit als Integrationsbeauftragter aus?
Murat: Mir ist die Kommunikation wichtig. Ich veranstalte seit gut vier Jahren zwei Mal im Jahr (in der Winter- und der Sommerpause) einen runden Tisch mit Vereinen, die zum HFV gehören und einen ethnischen Hintergrund haben. Die bringe ich zusammen und wir tauschen uns von A bis Z aus, Sorgen und Nöte hören wir uns an. Ich lade dann auch Präsidiumsmitglieder, Ausschussmitglieder, Sportgericht und Spielausschuss ein – die Bereiche, in denen immer wieder Probleme entstehen. Dann wird sich am runden Tisch ausgetauscht, diskutiert, dass die Vereine wissen, dass der Verband auch für sie da ist. 


Frage: Du bist ehrenamtlich im HFV tätig – ist dein Leben/dein Beruf abseits des HFV auch sozial und integrativ?
Murat: Nein, aber ich führe auch Menschen. Ich bin Logistikleiter bei einem Hamburger Handelshaus. Da ich aber auch oft als Schiedsrichter auf Fußballplätzen bin, bin ich immer wieder in Kontakt mit Menschen mit ethnischem Hintergrund.
Mein Verein ist der FC Türkiye – das sagt ja auch schon‚ dass wir auch einen ethnischen Hintergrund haben. In meinem Verein versuche ich auch immer wieder Integrationsarbeit zu machen: Wir haben 2015 den Integrationspreis gewonnen und versuchen immer an den HFV-Veranstaltungen teilzunehmen – am Verbandstag, an Regionalversammlungen. So dass ich sowohl meinem als auch Nachbarvereinen vermitteln kann, dass diese Veranstaltungen sehr wichtig sind.

Die Sprache des Fußballs reicht am Anfang

Yilmaz als Schiri beim Spiel Regionalliga Wolfsburg 2 gegen Havelse

Frage: Du bist auch als Schiri aktiv – wie siehst du aus dem Blickwinkel des Schiris die Integration im Fußball?
Murat: Als Schiedsrichter erlebe ich Integration auf dem Platz vor allem so, dass man ohne eine gemeinsame Landessprache miteinander auskommt. Das heißt wir haben Regeln im Fußball und es kann auch einer mitspielen, der erst seit ein paar Monaten in Deutschland ist – im bezahlten Fußball ist das üblich – und der kann 90 Minuten auf dem Platz stehen, ohne ein Wort zu sagen, aber mitmacht, sich integriert, Fußball spielt. Das kann man auch in die Gesellschaft spiegeln: Dass man sagt, die Sprachen sind am Anfang nicht wichtig, sondern dass man sich versteht, dass man ein Miteinander-Gefühl entwickelt. Natürlich kommt die Sprache irgendwann mal dazu, dass man die lernt, um sich in der Gesellschaft weiterzuentwickeln, dass man in der Bürokratie weiterkommt, man selbstständig agieren kann. Als Schiedsrichter ist es interessant, dass man ganz einfach durch Pfiffe kommuniziert.

Frage: Hast du selber persönlich oder bei anderen Anfeindungen erlebt und wie bist du oder die Personen, die du kennst, damit umgegangen?
Murat: Einen wirklichen Fall hatte ich auf dem Platz noch nie. Aber ich bin im Alltag jeden Tag dabei gegen Vorurteile zu kämpfen. Wenn ich in einem neuen Umfeld bin, keiner kennt mich, ich komme da zum ersten Mal an, werde ich gleich mit Vorurteilen angesehen. Das merke ich an den Blicken, an der Begrüßung und auch an den ersten Sätzen. Wenn ich mich dann mit denjenigen unterhalte und die erfahren mehr von mir, dann merkt man schon, dass die Vorurteile verschwinden, der Blickwinkel ein anderer wird. Das merke ich, das spüre ich.
Aber als Schiedsrichter auf dem Platz habe ich das noch nie gespürt, außer dass Zuschauer mal reinrufen oder ein paar Sprüche schlagen. Aber das sind dann auch Sprüche, die nicht unter der Gürtellinie sind, sondern witzige Sprüche wie „Döner macht schöner, Schiri“. Da lacht man und das war es dann auch. 

„Integration ist das was zurzeit ist“

Frage: Wie wichtig findest du es in der heutigen Zeit, dass sich die Gesellschaft bewusst mit dem Thema Integration befasst?
Murat: Das ist sehr wichtig. Man kann nicht einfach Fälle oder Problemfälle, die auf den Plätzen passieren unter den Teppich kehren. Sondern man muss ehrlich, direkt, gerade heraus diese Fälle abarbeiten, schauen warum das passiert und wo wollen wir hin.
Wir müssen Integration aber auch unterscheiden. Ich sag immer wieder: Integration in der 5. Generation brauchen wir nicht mehr zu machen. Ein Beispiel: Ich selber habe türkische Wurzeln. Meine Eltern kamen als Gastarbeiter Anfang der 50er Jahre nach Deutschland – die Türken sind mittlerweile in der 5. Generation, da brauchen wir keine Integration mehr zu machen. Probleme, die da entstehen sind keine Integrationsprobleme, sondern gesellschaftliche. Die können so auch bei Deutschen, Türken, Spaniern entstehen.
Integration ist das was zurzeit ist. Zurzeit haben wir leider Flüchtlinge, die aus ihren Ländern flüchten müssen, weil dort Kriege herrschen und das ist dann Integration: Diese Menschen müssen wir aufnehmen, müssen wir in die Gesellschaft einführen, denen zeigen wie Deutschland tickt. Dass in Deutschland Bürokratie herrscht, dass in Deutschland Regeln herrschen, dass man Regeln einhält. Die kommen aus anderen Kulturen, die kennen das nicht. Zwar gibt es da auch Regeln, aber zum Beispiel ist in Deutschland Pünktlichkeit sehr wichtig: Man kommt z.B. um 8 Uhr zur Arbeit und beendet sie um 17 Uhr. Aber in südlichen Ländern, auch der Türkei, ist das anders und entspannter.
Man muss aber auch vor Augen haben, dass man Menschen, die mit 30, 40 Jahren hier ankommen nicht plötzlich ändern kann. Sondern denen auch mal Zeit geben muss und sich in deren Situation hineinversetzen muss, dass sie in einer sehr schwierigen Situation sind, dass sie alles zurückgelassen haben.
Das ist für mich Integration, diese Menschen in die Gesellschaft einzuführen.

Jeder kann mitmachen

Auch selber aktiv auf dem Platz: Yilmaz (links) mit der VSA-Mannschaft gegen die Presseauswahl

Frage: Wo siehst du in Zukunft die größten Herausforderungen für den Hamburger Fußball in Bezug auf Integration?
Murat: Der Hamburger Fußball-Verband ist sehr pro-aktiv, veranstaltet Abende mit Gästen, die einen ethnischen Hintergrund haben und ihre Geschichten erzählen. Das macht der HFV gut, dass diese Personen aus ganz Deutschland eingeladen werden, um positive Beispiele zu zeigen. Super ist auch, dass Projekte, wie bspw. der Integrationspreis, entstehen.
Was ich mir noch wünschen würde: Dass man keine „Parallel-Gesellschaft“ entstehen lässt. Das heißt: Wenn Flüchtlinge ankommen, sie die ersten Jahre in „deutschen Vereinen“ unter Deutschen mitspielen, aber irgendwann nach vier, fünf Jahren einen eigenen Verein gründen. Das ist grundsätzlich in Ordnung, aber in bestimmten Fällen existiert dieser Verein dann nur aus einer Mannschaft, das ist dann eigentlich kein Verein. Das haben wir in Hamburg sehr oft. Das wäre ein Punkt wo ich sagen würde, dass wir als Verband dran arbeiten müssten. Dass man bspw. Auflagen schafft, dass dieser Verein auch wirklich ein Verein wird und nicht nur aus einer Mannschaft besteht. Denn diese Mannschaft wird oftmals nur von einem kleinen Kreis an Menschen, aus einem Herkunftsland, aus einem Stadtteil geführt, wo keiner reingucken und auch nicht so einfach mitspielen kann. 

Frage:
Was kann jeder einzelne Verein oder auch Spieler machen, um eine Umgebung zu schaffen, in der jeder – egal welcher Herkunft – gerne Fußballspielt?
Murat: Jeder muss offen sein. Die Türen der Vereine müssen offen sein – für jeden, egal für welche Religion oder Kultur. Das fängt schon bei der Arbeit an: Es gibt einen neuen Kollegen, der vielleicht noch nicht lange in Deutschland ist. Dass man dem einfach das Angebot macht, mit in den Verein zu kommen, mit zu kicken. Dadurch entwickelt sich dann eine Gesellschaft, die sich gegenseitig verstehen kann.