15.03.2017

„Es ist ein Geben und Nehmen“

Interview: Dirk Fischer (Präsident des Hamburger Fußball-Verbandes) über das Verhältnis von Profis und Amateuren

HFV-Präsident Dirk Fischer - Foto Gettschat

(Das Interview führte Lars Zimmermann und erschien im Pinneberger Tageblatt am 12.3.2017)

Die Probleme der Amateurfußballer sind in den vergangenen Monaten immer stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. In Bayern wurde das Bündnis „Rettet die Amateurvereine“ gegründet. Auch im Bereich des Hamburger Fußball-Verbands (HFV), zu dem der Kreis Pinneberg gehört, klagen Vereine über Strafzahlungen und Gebühren, die sie an den Verband entrichten müssen. Im Interview mit dem Pinneberger Tageblatt erklärt HFV-Präsident Dirk Fischer unter anderem, warum es ohne Strafen nicht geht und warnt davor, die Solidarität zwischen Profis und Amateuren aufs Spiel zu setzen.

Warum engagieren Sie sich für den HFV?

Ich habe schon seit meiner Kindheit eine Leidenschaft für den Fußball und spielte in meiner Jugend bei Strand 08. Den Kicker-Jahresalmanach lernte ich schon als Kind auswendig. Bevor ich 1980 in den Bundestag kam, war ich in der Hamburger Bürgerschaft Vorsitzender des Sportausschusses. In dieser Funktion habe ich eingeführt, dass wir uns vor Ort mit den Vereinen treffen, die Probleme haben und ihnen bei der Lösung helfen. Dadurch blieb in Erinnerung, dass ich mich für den Sport und den Fußball einsetze. Deshalb wurde ich gefragt, ob ich das Amt des Präsidenten im Hamburger Fußball-Verband übernehmen will. Da es meine innere Überzeugung ist, dass es sich lohnt, sich ehrenamtlich zu engagieren und ich leidenschaftlicher Fußballer bin, brauchte ich über dieses Angebot nicht lange nachzudenken.

Vor kurzem hat sich das Bündnis „Rettet die Amateurvereine“ gegründet. Was halten Sie von diesem Bündnis?

Überhaupt nichts. Ich wüsste nicht, welche Defizite dieses Bündnis beseitigen will und kann auch die Kritik an den Verbänden nicht nachvollziehen. Und wer die Profiklubs attackiert, sollte mal darüber nachdenken, welch großes Sponsoring allein durch die Zuschauerabgaben der Profis erfolgt. Ohne diese Unterstützung könnten wir unsere Aufgaben für die Amateurvereine gar nicht wahrnehmen. Das sind allein in Hamburg durch den HSV und St. Pauli fast 300000 Euro pro Jahr. Die Amateure werden von den Profis in erheblichem Maße finanziell unterstützt und profitieren auch von der Nationalmannschaft. Deswegen macht es keinen Sinn und ist sogar kontraproduktiv, ein Bündnis zu gründen, um der Bundesliga ihre Gier vorzuhalten.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Profis und Amateuren?

Es ist ein Geben und Nehmen. Die Profivereine wissen schließlich, dass die Amateure die Basis sind, die ihnen Talente zuführt. Die Einheit zwischen Verband und Profis, also zwischen DFB und DFL, ist eine entscheidende Größe in Deutschland. Die ist durch einen Grundlagenvertrag geregelt. Wenn der Zusammenhalt fehlt, leiden vor allem die Amateure. Das zeigt das Beispiel anderer Länder. Wer wie das Bündnis einen Konflikt organisieren will, schadet sich letztendlich selbst. Niemand sollte vergessen, dass die Popularität des Fußballs zu einem großen Teil der Nationalmannschaft und den Profivereinen zu verdanken ist. Deren Erfolg erleichtert es auch den Amateuren und dem HFV, Sponsoren zu gewinnen. Ohne die könnten wir beispielsweise nicht unseren gesamten Ausbildungsbereich finanzieren.

Vereine müssen pro gemeldete Mannschaft einen Schiedsrichter stellen. Manche schaffen das nicht und kritisieren, dass sie deshalb Strafen zahlen müssen. Ist die Kritik nachzuvollziehen?

Wenn der Verband ein Spiel nicht ansetzen kann, weil kein Schiedsrichter zur Verfügung steht, kann das auch nicht im Sinne des Erfinders sein. Dann wären wir ebenfalls der Buhmann. Wir können nur die Schiedsrichter stellen, die wir haben. Grundsätzlich freuen wir uns, wenn keine Strafen anfallen. Verstößt aber jemand gegen die Regeln, muss das Folgen haben. Sonst werden die bestraft, die sich regelgerecht verhalten. Wenn wir die Strafzahlungen abschaffen, würde das andere Konsequenzen wie z.B. Punktabzüge nach sich ziehen. Das würde den Vereinen ebenfalls nicht gefallen.

Gibt es Möglichkeiten, die Vereine zu entlasten?

Im Jugendbereich haben wir bereits die FairPlay-Liga für G- und F-Junioren eingeführt. Dort wird ohne Schiedsrichter gespielt. Die Kinder sollen alles selbst regeln. Dadurch brauchen wir weniger Schiedsrichter. Das entlastet die Vereine.

Funktioniert die FairPlay-Liga?

Ja. Das größte Problem sind einige Eltern, die ihre Kinder davon abhalten, ehrlich zu sein. Deswegen müssen Mütter und Väter mindestens acht Meter vom Spielfeld entfernt stehen. Dass es zu wenig Schiedsrichter gibt, hängt auch damit zusammen, wie man die Unparteiischen behandelt. Es kann nicht sein, dass diese ständig angepöbelt und manchmal sogar attackiert werden. Hört das auf, wird es leichter, Schiris zu finden. Vor allem die Jugendlichen müssen angesprochen werden, ob sie Interesse an der Aufgabe haben. Damit die Schiedsrichter unterstützt werden, ist es enorm wichtig, dass die Vereine engagierte Schiedsrichter-Obleute haben.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über Ausschreitungen bei Amateurspielen. Ist das ein generelles Problem?

Die Ausschreitungen sind zum Glück eher die Ausnahme. Bei fast 60000 Spielen pro Jahr im HFV-Gebiet gibt es bei maximal 60 Probleme. In die Schlagzeilen schaffen es aber nun einmal gerade die Partien, in denen etwas passiert. Das ist dann leider eine Anti-Werbung für den Fußball. Klar ist, dass der Sport auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Früher war Schluss, wenn jemand am Boden lag. Heute wird noch einmal nachgetreten. Dieses Phänomen trifft leider gerade eine populäre Massensportart wie den Fußball.

Wie kann der HFV gegensteuern?

Wir versuchen dem entgegenzuwirken, indem wir zum Beispiel besonders faires Verhalten prämieren. Zudem organisieren wir Coolness-Seminare für diejenigen, die auf dem Fußballplatz auffällig geworden sind. Diese Seminare bieten wir auch präventiv an.

Einige Vereine ärgern sich über zu hohe Gebühren. Wieso sind die erforderlich?

Der Hamburger Fußball-Verband ist aus meiner Sicht vorbildlich. Die Gebühren wurden schon seit Jahren nicht angehoben und bewegen sich im Vergleich zu anderen Landesverbänden im unteren Bereich. Und die in anderen Bundesländern kritisierten Abgaben für Trikotwerbung gibt es bei uns beispielsweise gar nicht. Unabhängig davon kann ich die Klagen der Vereine nachvollziehen. Wir wissen, dass denen jeder Euro weh tut, den sie abgeben müssen. Deswegen gehen wir mit deren Geldern bestimmt nicht leichtfertig um. Bestimmte Leistungen, die wir erbringen, kosten aber nun einmal Geld. Die Spielansetzungen sind zum Beispiel in einer Metropole wie Hamburg, in der teilweise drei Vereine einen Sportplatz als Heimplatz nutzen, so aufwendig, dass dies ehrenamtlich gar nicht oder nur mit sehr großen Mühen bewältigt werden könnte.

Die Oberliga Hamburg hat das Problem, dass sich die meisten Vereine den Aufstieg nicht leisten können, zum Beispiel der aktuelle Meister Dassendorf. Schadet ein Wettbewerb um die „goldene Ananas“ nicht dem Fußball?

So etwas schmerzt. Mein Wunsch ist, dass die Vereine die Chance zum Aufstieg nutzen. Das ist aufgrund der Platzsituation oder der Finanzen leider nicht immer möglich. Für höherklassigen Fußball müssen nun einmal die Strukturen stimmen. Ich glaube aber nicht, dass die Oberliga dadurch entwertet wird. Das beweist die Leidenschaft, mit der dort gespielt wird. Wir haben einen attraktiven Wettbewerb, der auch medial entsprechend transportiert wird. Um die sportliche Wertigkeit mache ich mir deshalb keine Sorgen. Im Übrigen wurde die Regionalliga bereits so gestaltet, dass mehr Vereine aufsteigen können. Früher gab es nur drei Regionalligen, jetzt sind es fünf. Klar ist, dass die vierte Liga nicht nur mit Zuschauereinnahmen zu finanzieren ist. Sponsoren konzentrieren sich im Hamburger Raum aber meistens auf St. Pauli und den HSV.

Hamburg bewirbt sich um die Austragung von Spielen der Fußball-Europameisterschaft 2024. DFB-Vizepräsident Rainer Koch schlägt vor, dass die Bewerbung als Spielort für die Europameisterschaft 2024 mit der Förderung des Amateurfußballs verbunden werden muss. Was halten Sie von der Idee?

Eine solche Veranstaltung ist ohnehin ein großer Impuls für den Amateurfußball. Das hat die Weltmeisterschaft 2006 gezeigt. Das wäre auch 2024 der Fall. Wenn der DFB Überschüsse aus dem Turnier an die Amateure weitergibt, würde ich mich natürlich freuen. Dass muss aber eine DFB-Aktion sein. Es bringt nichts, die einzelnen Standorte gegeneinander auszuspielen. Wahrscheinlich macht es aber mehr Sinn, erst einmal die Kreditbelastungen abzubauen, die durch den Bau der DFB-Akademie in Frankfurt entstehen. Eine Verteilung von Geldern nach dem Gießkannenprinzip hilft den Amateuren ohnehin nicht.

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