Twin Games im Expertencheck (Teil 2): Das ändert sich für Vereine und Trainer*innen

Twin Games sollen nicht nur für mehr Ballkontakte und Spielaktionen sorgen. Die Spielform eröffnet auch neue Möglichkeiten für Vereine, Trainer*innen und Teams. Im zweiten Teil unseres Expertenchecks sprechen HFV-Verbandssportlehrer Stephan Kerber und DFB-Stützpunktkoordinator Lewe Timm über Organisation, Trainerrollen und die Chancen, die Twin Games für die Kinder bieten.
Twin Games organisieren: Weniger kompliziert als gedacht
Wenn Vereine zum ersten Mal von Twin Games hören, taucht häufig die Frage auf: Ist das nicht ein erheblicher Mehraufwand? Für Lewe Timm ist die Antwort eindeutig: Im organisatorischen Bereich sei es nicht so kompliziert, wie man sich das vorstelle. „Ja, man muss Felder aufbauen, das müssen wir aber immer machen. Im besten Fall hat man noch so etwas wie Strafraumbegrenzung, Plättchen oder anderes, was man mitbenutzen kann. Aber es ist kein Hexenwerk, es sind einfach zwei Felder, die man aufbaut.“ Für ihn steht deshalb weniger die Herausforderung als vielmehr die Chance im Vordergrund.
Mehr Flexibilität für Vereine
Gerade die Kombination aus Twin Games, Melde-Ligen und Single-Modus eröffnet Vereinen neue Möglichkeiten. Stephan Kerber verweist darauf, dass sich Vereine frühzeitig Gedanken darüber machen können, wie sie auf wachsende Mannschaften reagieren. „Vereine können sich frühzeitig damit auseinandersetzen, wie ein insgesamtes weiteres Wachsen von Mannschaften entsteht.“ Gleichzeitig profitieren auch Vereine mit kleineren Mannschaftsstärken. „Es gibt auch vom Hamburger Fußball-Verband die Single-Version, sodass auch kleinere Vereine, die nicht ganz so viele Kinder haben, auch an einem besagten Kleinspielfeldformat teilnehmen können.“
Für Lewe Timm liegt genau darin eine der größten Stärken des Systems: „Die Twin Games in Kombination mit den Melde-Ligen bilden die Chance, jederzeit den angemessenen Rahmen für die Gruppe, die man in einem Verein hat, abzubilden.“ Ob Gruppengröße, Entwicklungsstand oder Spielstärke: Die Formate lassen sich flexibel anpassen.
„Dadurch, dass der Single-Modus sogar auch dazugekommen ist, ist ein Höchstmaß an Flexibilität vorhanden.“ Und wenn sich eine Mannschaft entwickelt? „Dann kann die Spielstärke verändert werden“, erklärt er.
Kinder mitentscheiden lassen
Für Lewe Timm endet die Entwicklung von Kindern nicht mit Ballkontakten oder Torabschlüssen. Twin Games eröffnen auch neue Möglichkeiten der Beteiligung. Gerade bei der Teamzusammenstellung sieht er großes Potenzial: „In der Zusammenstellung der Teams liegt eine große Chance von der Organisation, weil man darauf abzielen kann, das Team mitzunehmen in die Entscheidung: In welcher Zusammenstellung spielen wir heute? Wer spielt mit wem zusammen?“
„Kinder sind kompetent“
Dadurch entstünden wertvolle Lernprozesse. „Das gibt eine gewisse Gruppendynamik und Kompetenz in der Mitentscheidung für die Kinder.“ Sein Wunsch ist klar: „Als Trainer habe ich die Möglichkeit, mich jedes Wochenende wieder neu zu justieren, neue Zusammenstellungen für meine Teams zu wählen.“ Und dabei gehe es nicht nur um Fußball. „Ich kann die Kompetenzen der Kinder stärken, in dem, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir gemeinsam entscheiden und nicht nur ein Trainer dort steht und bestimmt.“ Kinder seien dabei oft viel kompetenter, als Erwachsene glaubten. „Kinder sind kompetent. Sie noch kompetenter zu machen und sie einzubeziehen, ist eine der größten Stärken, die wir in diesem Bereich haben.“
Die Trainer*innenrolle verändert sich
Mit den Twin Games verändert sich auch das Bild der Trainer*innen. Stephan Kerber beschreibt den Wandel so: „War es früher der Trainer, die Trainerin, die viel angewiesen, vorgegeben oder reingerufen hat, ist er oder sie jetzt eher der Organisator, der das Spielen in Gang bringt und dann auch das Spielen weitestgehend überlässt.“
Statt ständig Anweisungen zu geben, werden Trainerinnen und Trainer stärker zu Spielbegleitern. „Jetzt machst du dir eher Gedanken darüber, wer mit wem zusammenspielt in den zwei Teams, die du bildest für den Tag.“ Gleichzeitig hofft Kerber auf möglichst abwechslungsreiche Teamzusammensetzungen.
„Die Hoffnung ist, dass der Trainer nicht ausschließlich immer nur seine ersten fünf, sechs Spielerinnen und Spieler zusammenstellt, sondern sich auch variabel zeigt. Dass eine gute Mixtur gelebt wird, wäre sehr wünschenswert.“
Genau dieser Rollenwechsel ist für viele Erwachsene nicht immer einfach, weiß Stephan Keber: „Es ist schon schwierig, etwas zu überlassen, nicht hineinzugehen zum Feld, zu aktiv zu werden oder Kindern etwas noch zu rufen zu müssen.“ Das sei ein Lernprozess, es brauche Zeit, bis alle auf diesem Modus gekommen sind. Die Idee dahinter bleibt jedoch klar: Kinder sollen eigene Lösungen finden dürfen.
Ist die Spielfeldgröße das Problem?
Wenn Kritik geäußert wird, betrifft sie laut Stephan Kerber meist denselben Punkt: Die Spielfeldgröße. „Am häufigsten begegnet mir das Argument, dass es ein Kleinfeldspiel ist, was ja nichts mit dem Elferspiel zu tun habe.“ Daraus entstehe manchmal der Wunsch, Kinder möglichst früh auf größere Spielfelder zu bringen.
„Das meint einige Trainer dahingehend zu motivieren, unbedingt einen Jahrgang älter melden zu wollen, zum Beispiel um das Elferfeld früher zu erreichen“, berichtet er – und übt Kritik. „Wir glauben schon daran, dass es bis in die U13, bis zum Übergang in die U14-Phase, wichtig ist, diesen Twin-Gedanken beizubehalten.“
Der Grund dafür liege in den vielen Wiederholungen, Erfahrungen und Erfolgserlebnissen, die Kinder auf kleineren Spielfeldern sammeln können. „Die Kinder sollen von diesem Spiel die besten Erlebnisse und Erfahrungen gesammelt haben.“
Am Ende geht es für beide Experten um deutlich mehr als um zwei Spielfelder statt einem – um die Beteiligung aller Kinder. „Es sollen keine Kinder auf der Bank sitzen“, fasst Kerber das Ziel knapp zusammen. „Egal ob ich groß oder klein bin, ich bin auf dem Feld, ich bin wichtig für mein Team, ich nehme daran teil“, ergänzt Timm.
Genau darin liegt die Grundidee der Twin Games: mehr Aktionen, mehr Verantwortung, mehr Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem mehr Fußball für jedes einzelne Kind. Im ersten Teil des Expertenchecks sprechen unsere HFV-Trainer*innen und -Trainer über die Chancen und Herausforderungen des neuen Spielformats.