15.01.2020

Winterlehrgang des BSA Unterelbe

Kommunikation ist keine Einbahnstraße

Winterlehrgang BSA Unterelbe - Fotos BSA Unterelbe

Für manchen Teilnehmer zu ungewohnt früher Stunde um 9 Uhr morgens begrüßte Lehrwart Björn Struckmann am Sonntag, den 12.1.2020, die Liga-Schiedsrichter des BSA Unterelbe zum Winterlehrgang in den Räumlichkeiten des FC St. Pauli im Clubheim am Millerntor. Es sollte ein informativer und abwechslungsreicher Tag werden, an dem die Schiedsrichter aus dem Westen der Hansestadt – sowohl diejenigen mit Ambitionen noch in höheren Ligen anzugreifen, als auch die Kollegen, die seit einigen Jahren verdient in den Herren-Amateurklassen unterwegs sind – noch Einiges an Input mit nach Hause nehmen würden.

Wilfried Wilkens (lks.) vom HFV-Gewaltpräventionsteam

Der Tag begann gleich mit einem Regeltest, dessen Fragen für die meisten Schiedsrichter ein ungewohnt hohes Niveau hatte. Dies diente vor allem den anwesenden jüngeren Bezirksschiedsrichtern dazu, zu sehen, wie hoch die Latte bei Regeltests im Verbands-Schiedsrichter-Ausschuss (VSA) gelegt wird. Für so manchen Teilnehmer eine gute Übung um sich auf einen angepeilten Aufstieg in höhere Gefilde vorzubereiten.

Aus dem Vorstand jenes VSA hatte man Sven Ehlert als Referent gewinnen können, der in seiner aktiven Zeit als Schiedsrichter immerhin heute bekannte Hamburger Bundesliga-Schiedsrichter wie Patrick Ittrich und Sascha Thielert auf ihrem Weg als Assistent begleitet hat. Als VSA-Lehrwart konnte Sven aber nicht nur Spannendes von seinen eigenen Erfahrungen erzählen, sondern vor allem auch Einblicke in die Arbeit des VSA und in die Erwartungen an seine Schiedsrichter geben. Dabei nannte er vor allem eine hohe Leistungsbereitschaft, sich auf dem Feld, aber auch charakterlich weiterentwickeln zu wollen, als auch eine gewisse Kritikfähigkeit und eine grundsätzliche Fitness in Sachen Regeln und Physis als wichtige Punkte um als VSA-Schiedsrichter zu bestehen und weiter aufzusteigen.

Als Nächstes stand der Konformitätstest auf dem Plan, bei dem alle Teilnehmer in 15 Videoszenen über die richtige Spiel- und persönliche Strafe entscheiden mussten. Bei der anschließenden Auflösung der Szenen merkte man, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen mancher Schiedsrichter bei sehr engen Entscheidungen wie Notbremse / keine Notbremse oder gelbe / rote Karte sein können.

Mit der Frage „Wie LEITE ich ein Spiel?“ beschäftigte sich der Vortrag von John-David Ladiges, BSA-Obmann. Nicht nur das Spiel an sich vorbeilaufen zu lassen, sondern selbst zu agieren – gerade das sei nämlich die Aufgabe eines Schiedsrichters. Denn jede Partei auf und neben dem Platz erwarte ein aktives Treffen und Verkaufen von Entscheidungen von einem guten Spielleiter. Dazu sei vor allem eine gute Vorbereitung auf das Spiel sowie eine passende Kommunikation mit allen Beteiligten schon vor Anpfiff wichtig. Gerade das Bewusstsein über die eigene Außendarstellung und auch die eigenen Stärken und Schwächen seien das A und O für jeden erfolgreichen Schiedsrichter. Am Beispiel der Vorteilsanwendung erklärte John-David, welche Fülle an Kriterien man als Spielleiter bei typischen Situationen beachten muss (Spielentwicklung, Tabellensituation, beteiligte Spieler, Ort des Vergehens, etc.). Zuletzt hatte unser Obmann noch Videoszenen aus vergangenen Lehrabenden und Beispiele aus seiner Beobachter-Tätigkeit mitgebracht, bei denen die Teilnehmer die Stärken und Schwächen beim Agieren des jeweiligen Schiedsrichters diskutieren sollten.

Nach einer Mittagspause, in der sich alle BSA-Schiedsrichter mit Pizza stärken konnten, folgte das eigentliche Highlight des Lehrgangs.

Wilfried Wilkens vom HFV-Gewaltpräventions-Team hatte sich bereit erklärt, von seiner Arbeit als Coach bei den Coolness-Tagen für Spieler, die aufgrund einer Gewalttat vom Sportgericht zu einer Sperre verurteilt worden sind, zu berichten und uns mit einer Anti-Gewalt-Schulung für dem Umgang mit Gewalt, die gerade gegen Schiedsrichter in den unteren Ligen leider noch häufig Thema ist, fit zu machen.

Die größte Stärke eines Schiedsrichters bei der Verhinderung von Eskalationen ist laut Wilkens seine frühe Wahrnehmung von brenzligen Situationen. Wichtig sei es dabei vor allem auffällige Spieler durch kommunikative Mittel vor dem Einstieg in eine Eskalationsspirale zu bewahren. „Kommunikation ist keine Einbahnstraße und eine gute Kommunikationsfähigkeit der Schlüssel zum Glück für alle Schiedsrichter um Konflikte auf dem Sportplatz zu verhindern“, so der Gewaltpräventions-Experte.

In einer Art Trockenübung mit Coach Wilkens konnten sich einige Schiedsrichter dann auch einer solchen Eskalationssituation „stellen“ und ihr Verhalten bei einer direkten Konfrontation mit gewaltbereiten Spielern (gespielt von Wilkens) proben. Diese Übungen waren für alle Teilnehmer sowohl sehr lehrreich, als auch unterhaltsam, ob mancher Schauspieleinlage vom Coach sowie einzelner Schiedsrichter.

In Gruppenarbeiten wurden anschließend Ergebnisse zu verschiedenen Lösungsansätzen bei unterschiedlichen Eskalationssituationen, wie Rudelbildungen, besonders aggressiven Spielern und Möglichkeiten in der Kommunikation von Schiedsrichtern mit Spielern im Allgemeinen diskutiert und präsentiert.

Zu guter Letzt hatten Wilfried Wilkens und Kirstin Warns-Becker, Leiterin der AG Gewaltprävention des VSAs, noch ein Teamwork-Spiel vorbereitet, bei dem die Dynamik zwischen den Teilnehmern untereinander auf die Probe gestellt wurde, letztendlich aber jedem Teilnehmer ein Schmunzeln bereitete.

Nach einem langen und sehr lehrreichen Lehrgangstag für alle BSA-Schiedsrichter wurde dann nach einem Schlusswort der Organisatoren Björn Struckmann und Ina Butzlaff die Heimreise mit einem deutlich erweiterten Wissensschatz – gerade was die Gewaltprävention auf Sportplätzen angeht – angetreten.

Vielen Dank für die Organisation und Durchführung an den Vorstand des BSA Unterelbe und besonderen Dank an Wilfried Wilkens vom HFV-Gewaltpräventions-Team für das abwechslungsreiche Coaching!
Rasmus Renner