19.11.2021

Wie gewinnen wir wieder mehr Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen, Patrick Ittrich?

Patrick Ittrich im Interview über Respekt, Bestrafung und kreative Wege

Patrick Ittrich beim Interview mit dem HFV.

Der Schwund an Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern ist allgegenwärtig – nicht nur in Hamburg. Seine Instagram-Follower fragte Patrick Ittrich im Oktober „Was können wir tun, um wieder mehr Schiedsrichter*innen zu gewinnen?“ – Von seiner Community erhielt er viele gute und realistische Antworten. Für uns ein Anlass, mit Hamburgs Bundesligaschiedsrichter Patrick Ittrich persönlich zu sprechen – über notwendige Maßnahmen und kreative Ideen, wie das Hobby wieder attraktiver werden kann, und was die Verbände und Vereine – und jede Fußballerin und jeder Fußballer – tun können und tun sollten. 

HFV: Hallo Patrick! Du hattest auf Instagram deine Follower gefragt, woran es liegt, dass wir zu wenig Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter haben. Da kam vor allem das Problem des Respekts gegenüber den Unparteiischen auf. Wie nimmst du als Bundesligaschiedsrichter wahr?

Patrick Ittrich: Natürlich kann ich nicht sagen, wie es in Amateurklassen abläuft. Aber ich bekomme das von Kollegen und Kolleginnen mit. Eins muss man aber feststellen: Es ist nicht alles schlecht. Wir wollen das Ganze positiv angehen und vermitteln, dass der Schiedsrichterichterjob eine tolle Sache ist und auch der Respekt grundsätzlich da ist. Aber es gibt natürlich immer Fälle, in denen Schiedsrichterichter nicht so behandelt werden, wie sie behandelt werden sollten – nämlich als Teil des Spiels. Und das zieht sich durch alle Ligen, wird aber extremer in den unteren Ligen. Wir haben alle sozialen Schichten in allen Ligen verteilt und da ist es auch klar, dass die breite Masse „unten“ – auch was die Schiedsrichter betrifft – hinsichtlich des Respekts auch negative Erlebnisse erfährt, und das mehr als „oben“. Aber auch „oben“ gibt es Situationen, die sich aufbauen: Wenn ich als Schiedsrichter eine gelbe oder rote Karte zeige, wird diese Karte häufig nicht akzeptiert. Ich möchte dem Spieler ja nichts Böses, aber das ist meine Funktion als Schiedsrichter – und die darf nicht infrage gestellt werden, denn es braucht diese Regulation. Wenn man das einfach abnicken würde, ohne gleich zu beschimpfen, würde es auch viel mehr akzeptiert werden. Und wenn das jede Mannschaft, jeder Verein tut, hätte das eine gewisse Strahlkraft. Natürlich kann man diskutieren, und Emotionen gehören zum Fußball dazu. Ich habe auch Emotionen und bin ein sehr emotionaler Schiedsrichter, aber ein gewisser Grad darf nicht überschritten werden.
Wenn wir dann über Strafen reden, und der Grad wird überschritten – verbal oder körperlich – dann muss eine Strafe auch empfindlich sein. Denn erst dann merkt man, dass gewisse Dinge zu weit gehen. Jemand, der einen Schiedsrichter oder eine Schiedsrichterin schlägt, gehört meines Erachtens jahrelang nicht mehr auf den Fußballplatz.

Das ganze Interview hier im Video:



HFV: Glaubst du, dass der Weg der Bestrafung der richtige ist, oder fallen dir andere Maßnahmen ein, die helfen könnten, den Respekt zu steigern?


Patrick Ittrich:
Bestrafung ist natürlich immer nur ein Baustein. Aber es muss klar sein, dass sowas nicht geduldet wird. Wir dürfen das Thema allerdings auch nicht zu hoch hängen, denn es ist ja nicht so, dass diese Vorfälle jedes Wochenende auf jedem Platz passieren. Dennoch: Jeder Fall ist einer zu viel. Ich glaube, früher gab es teilweise die Maßnahme, dass man einen Schiedsrichterschein machen sollte, wenn man einen Schiedsrichter geschlagen hatte. Aber ich glaube, jemanden auf diese Art zu etwas zu verpflichten, auf das er so gar keinen Bock hat, hat nicht immer eine Wirkung. Deswegen denke ich, dass wir über die Freiwilligkeit kommen müssen. Denn wir müssen die Menschen viel mehr für den Job des Schiedsrichters sensibilisieren: Ich finde, wir müssen dahinkommen, dass auf freiwilliger Basis jeder einmal ein Spiel gepfiffen hat, um zu merken, wie das eigentlich ist als Schiedsrichter. Man muss ja keinen Schiedsrichterschein machen, aber ich denke, die Anerkennung und der Respekt vor dem Job des Schiedsrichters ist viel größer, wenn man mal selbst erlebt hat, wie es ist, in der Mitte zu stehen und eine Entscheidung zu treffen. Daher finde ich es eine gute Maßnahme, die Spielerinnen und Spieler dazu zu bewegen, einfach mal ein Spiel, zum Beispiel im Training, zu pfeifen.

HFV: Wie bist du eigentlich zur Schiedsrichterei gekommen?

Patrick Ittrich:
Schiedsrichter bin ich 1994 geworden – durch Überredungskünste meiner Freunde. Und genau dieser Ansatz ist das Problem, das ich momentan sehe: Denn man wird eher gefragt, ob man Schiedsrichter wird, um dem Verein zu helfen, damit der keine Strafe zahlen muss – anstatt zu sagen „Werde Schiedsrichter, denn das bringt Spaß!“.

HFV: Du sagst, die Spielerinnen und Spieler müssten für das Schiedsrichtersein sensibilisiert werden. Denkst du, dass das Thema auf der kleinsten Ebene, also in den Vereinen, in den Mannschaften, zu wenig Aufmerksamkeit bekommt? Wen siehst du hier in der Pflicht, die Begeisterung bei den Spielern zu wecken?

Patrick Ittrich:
Ich sehe alle in der Pflicht, die mit dem Sport zu tun haben. Es geht hier nicht nur um Fußball, es geht um jede Sportart, denn überall gibt es zu wenig Schiedsrichter. Ich sehe die Schiedsrichterzahlen vom DFB, die seit Jahren sinken. Es muss zwingend etwas getan werden – meines Erachtens wurde es verschlafen, schon vor zwei, drei Jahren etwas gegen den Schwund zu tun. Da sind in erster Linie die gefordert, Maßnahmen und Konzepte nicht nur zu entwickeln, sondern diese auch kundzutun. Es braucht Vorbilder, es braucht Vorreiter, es braucht Menschen, die sich engagieren und in die Vereine gehen – jeder Obmann, jeder Spieler, jedes Elternteil! Jeder, der mitwirkt, weiß: Ich brauche Schiedsrichter – aber keiner will es machen! Das ist unfassbar. Wo soll das noch hinführen, wenn wir es nicht schaffen, alle daran mitzuwirken, damit Leute Schiedsrichter werden? Denn das ist einfach ein total geiler Job!

Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich (Mümmelmannsberger SV) - Foto Gettyimages

HFV: Zu diesen „Allen“ zählst du dich auch selbst und tust einiges, damit das Thema der Schiedsrichterei in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Was machst du konkret?

Patrick Ittrich:
Ich weiß, wie es als Jugendlicher war, als Schiedsrichter anzufangen. Mir hat es einfach Spaß gemacht, denn es ist so eine tolle Tätigkeit. Für die Kinder und Jugendliche, die den Schiedsrichterschein machen, ist die Schiedsrichterei ein enormer Mehrwert – und das muss man vielleicht auch den Eltern sagen, damit diese ihrem Kind sagen „Hey, der Schiedsrichterjob bringt dich enorm weiter in deiner Persönlichkeit: in der Schule, im Beruf, in der Ausbildung – du wirst davon profitieren, dass du Schiedsrichter oder Schiedsrichterin bist!“ Denn diese Eigenschaften, die du als Schiedsrichter erlernst – selbstbewusst zu sein, kritikfähig zu sein, Entscheidungen zu treffen – brauchst du in jedem Beruf. Das muss man ganz konkret benennen und damit werben. Es bringt Spaß, man bewegt sich an der frischen Luft, man kommuniziert – das sind Dinge, die in unserer durch Social Media geprägten, immer digitaler werdenden Welt heute wieder enorm wichtig sind. Und deshalb ist der Schiedsrichterjob einer, der zeitlos ist.
Und mit den Mitteln, die ich habe, versuche ich dazu beizutragen. Als Bundesligaschiedsrichter mache ich Werbung mit meiner Person, zum Beispiel durch ein Buch, das ich geschrieben habe, über meine Social Media-Kanäle, oder über meinen Podcast „REFITCOM“, um auf die Schiedsrichterei aufmerksam zu machen. Man denkt immer, man ist allein als Schiedsrichter – ist man ja auch häufig auf dem Platz. Aber wir haben auch eine Gemeinschaft, nicht nur wir Fußballschiedsrichter, sondern auch Sportarten-übergreifend. Ich möchte auch interdisziplinäre Verbindungen schaffen, damit diese Gemeinschaft wächst und damit auch klar wird, dass wir eine Gemeinschaft sind. Wir können genauso im Team unterwegs sein und Spaß haben wie eine Fußballmannschaft!

HFV: Für dich ist die Einbindung der Schulen auch ein wichtiger Baustein, um die Kinder schon früh für die Schiedsrichterei zu begeistern. Hier planst du gerade ein Projekt. Was hast du vor?


Patrick Ittrich:
Das steckt noch in den Kinderschuhen. Es geht darum, schon Grundschülerinnen und Grundschüler dafür zu gewinnen, Schiedsrichter zu werden, indem die Kinder in AGs zu „Mini-Schiedsrichtern“ werden. Wenn man auf die Schulhöfe schaut, sieht man, dass viele Kinder Fußball spielen. Und auch da kommt es schon zu Konflikten. Deshalb möchte ich zusammen mit einer Lehrerin „Mini-Schiedsrichter“ ausbilden. Der Gedanke dahinter ist, dass dabei vielleicht der Drittklässler oder die Drittklässlerin das Fußballspiel der Zweitklässler beaufsichtigt – als „Mini-Schiedsrichter“. So können die Kinder schon viel früher als Schiedsrichter einsteigen und haben schon Vorerfahrung, bevor sie – wie hier in Hamburg – erst mit 14 Jahren den Schiedsrichterschein machen.

HFV: Du sprichst das Thema Erfahrung an. Findest du, dass die neuen Spielformen im Kinderfußball, bei der die Kleinsten seit dieser Saison ohne Schiedsrichter spielen, auch ein Problem für den Schiedsrichternachwuchs sind?

Patrick Ittrich:
Wenn ich, wie hier in Hamburg, mit 14 Jahren einen Schiedsrichterschein mache, dann fehlen mir diese „kleinen“ Ligen, um mich selbst zu testen als Schiedsrichter. Denn wenn ich mit 14 eine C-Jugend pfeife, und die Spieler dann teilweise zwei Köpfe größer sind als ich, und dann vielleicht auch noch anfangen zu diskutieren – dann weiß ich noch gar nicht, wie ich damit eigentlich umgehen soll. Ich mache den Schiri-Schein am Wochenende und werde dann ins kalte Wasser geworfen. Da ist es natürlich einfacher bei den Jüngeren, denen ich vielleicht noch beim Schuhebinden helfe. Ich lerne dort, wie mich die Eltern wahrnehmen. Wie nehmen mich die Kinder wahr, wenn ich eine Entscheidung treffe? Wie wirke ich? Wie kommuniziere ich? Das sind Dinge, die muss man erstmal von Grund auf erlernen, denn man hat ja erstmal nur die Theorie. Und die Praxis hilft vor allem in diesen Ligen, weil die Gefahr besteht, dass man, wenn man in höheren Ligen anfängt, einfach verbrennt und irgendwann einfach keine Lust mehr hat. Deshalb sind diese kleinen Jugendmannschaften die Mannschaften, bei denen die Schiedsrichterin oder der Schiedsrichter am Anfang lernt, mit der Pfeife umzugehen – und das wird ihnen genommen. Und auch das ist für den Nachwuchs ein riesiges Problem.

Vielen Dank für das Interview, Patrick!

Das Interview führte Jana Münnig.