19.05.2021

„Im BSA Bergedorf leben wir eben ganz besondere Werte“

Neue Serie: Die Bezirks-Schiedsrichterausschüsse im HFV

Die Gesichter des BSA Bergedorf. Foto: BSA Bergedorf/ HFV

Sie sind unverzichtbar im Fußball, trotzdem werden sie oft übersehen: die Männer und Frauen mit der Pfeife in der Hand. Grund genug für uns, mal einen zweiten Blick in den Schiedsrichterbereich beim Hamburger Fußball-Verband zu werfen! Nachdem uns vor Kurzem Christian Soltow, der Vorsitzende des Verbands-Schiedsrichterausschusses im HFV, Rede und Antwort gestanden hat, geht’s nun einen Schritt weiter, genauer gesagt in die Bezirks-Schiedsrichterausschüsse (BSA).


 Angefangen mit dem BSA Bergedorf stellen wir in den kommenden Wochen in loser Reihenfolge unsere acht Hamburger BSA vor.

Wer seid ihr – und wenn ja, wie viele?

Obmann Günther Adermann (TuS Dassendorf). Foto: BSA Bergedorf

360 Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in 25 Vereinen im Hamburger Osten sowie in Teilen der Kreise Stormarn und Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein: Das ist der BSA Bergedorf! Genauer gesagt sind es folgende Vereine:

 
SV Altengamme, BSFV Atlantik, TuS Aumühle/Wohltorf, ASV Bergedorf 85, FC Bergedorf 85, TSG Bergedorf, SV Bergedorf-West, SV Börnsen, SV Curslack-Neuengamme, TuS Dassendorf, Düneberger SV, Escheburger SV, FSV Geesthacht, VFL Grünhof-Tesperhude, TSV Gülzow, SV Hamwarde, FC Lauenburg, Lauenburger SV, VFL Lohbrügge, SV Nettelnburg-Allermöhe, TSV Reinbek, SC Schwarzenbek, SC Vier- und Marschlande, FC Voran Ohe, SC Wentorf

Dass ohne die vier Ehrenamtlichen im BSA kein Fußball-Spielbetrieb möglich wäre, wird beim Blick auf die Aufgaben schnell klar: Obmann Günther Adermann (TuS Dassendorf) ist für die Ansetzungen der Schiedsrichter*innen zuständig, Jarno Wienefeld (VfL Lohbrügge) für die Beobachtungen. Um Spielberichte, Statistiken und das Passwesen kümmert sich Max Beyer (SC Vier- und Marschlande). Und nicht zuletzt ist die Lehrarbeit ein wichtiger Teil des BSA, um die Aus- und Fortbildung der Schiedsrichter*innen sicherzustellen. Verantwortlich dafür ist Dennis Krohn (TSV Reinbek). „Als äußerst wichtig erachten wir den persönlichen Kontakt zu den Aktiven sowie Vereins-Schiedsrichter-Obleuten“, erzählt Günther Adermann. Hier könne man „auf eine harmonische und zielführende Zusammenarbeit blicken, was uns stolz macht“.

Mehr als 4.000 Ansetzungen pro Halbserie

Für etwa 3.500 Spiele pro Halbserie setzt Günther Adermann Unparteiische an – in Zeiten ohne Corona versteht sich. Hinzu kommen 550 Neuansetzungen durch Rückgaben von Schiedsrichter*innen oder Assistent*innen. Insgesamt sind es also rund 4050 Ansetzungen pro Halbserie. Heruntergebrochen auf einen Spieltag liegt das Mittel also bei etwa 225 Ansetzungen pro Wochenende. „Dass diese Anzahl an Ansetzungen nicht einfach ist, wird jeder bestätigen, der dieses Amt ausführt, schließlich macht man sich Gedanken über die Art der Spiele und die vorhandenen Schiedsrichter“, weiß Günther Adermann, „Wer kann zu welchem Spiel eingeteilt werden, damit die Paarungen möglichst problemlos über die Bühne gehen? Das erfordert Kenntnis über Mannschaften, Schiedsrichter und eventuelle Brisanz in den Begegnungen“.

 
Durch eine Neuerung im Jahr 2018 gelingt es dem BSA Bergedorf nun, etwa 99 Prozent aller Partien mit Schiedsrichter*innen anzusetzen. Dabei werden in der Woche vor dem nächsten Spielwochenende die noch nicht namentlich angesetzten Spiele an alle Schiedsrichter*innen des Bezirks gesendet. „Es gibt etliche Kameraden, die dann noch das eine oder andere Spiel übernehmen möchten“, erzählt Günther Adermann. Ein großes Plus für alle Beteiligten: die Mannschaften, die Schiedsrichter*innen vor Ort haben, und die Schiedsrichter*innen, die gerne mehr machen möchten als andere – aber auch die, denen in der laufenden Serie noch Spiele zu ihrem Soll von acht Spielen fehlen.

Gründlichkeit steht bei Max Beyer, der sich um Spielberichte, Passwesen und Statistiken kümmert, an erster Stelle: Akribisch wertet er die Spielberichte aus, gleicht stundenlang die durchgeführten Spiele ab und händigt die Schiedsrichter*innen-Ausweise aus. Warum das so wichtig ist? „Weil wir bemüht sind, über jedes besetzte oder unbesetzte Spiel unterrichtet zu sein“, berichtet Günther Adermann.

Schiedsrichter*innen-Soll? Erfüllt!

Lehrwart Dennis Krohn (TSV Reinbek). Foto: BSA Bergedorf

Mit insgesamt 324 aktiven und 32 passiven Schiedsrichter*innen steht der BSA Bergedorf sehr gut dar – das Soll, mindestens 256 Schiedsrichter*innen zu stellen, übertrifft der BSA um satte 68! Das bedeutet aber nicht, dass alle Vereine gut dastehen, erzählt Günther Adermann. Das Manko mancher Vereine gleiche sich einfach durch das Plus anderer aus. Das sei allerdings keine hinnehmbare Lösung, mahnt der BSA-Obmann. Diejenigen Vereine mit zu wenigen Schiedsrichter*innen müssten an ihrem Defizit arbeiten, „damit sie ihren solidarischen Beitrag zur Fußballfamilie leisten“.


Dass die Corona-Pandemie diese Zahlen nicht positiv beeinflusst, ist leicht zu erraten. „Es haben sich schon Kameraden gemeldet, die nicht mehr aktive Schiedsrichter sein möchten“, berichtet Günther Adermann. Neue Wochenend-Beschäftigungen, andere Hobbys – im BSA Bergedorf befürchtet man, dass noch weitere hinzukommen, die ihre Zeit künftig anderweitig nutzen wollen. Wie viele der Schiedsrichterei dann tatsächlich den Rücken kehren, sei allerdings erst abzusehen, wenn der Spielbetrieb wieder startet.









Frauenanteil? Naja…

Zuständig für Beobachtungen: Jarno Wienefeld. Foto: BSA Bergedorf

Fünf Prozent – das ist der Anteil weiblicher Schiedsrichterinnen im BSA Bergedorf. Dass der BSA damit nicht zufrieden ist, liegt auf der Hand. „Von unseren 324 aktiven Schiedsrichtern sind es lediglich 16 Schiedsrichterinnen. Das finden wir sehr schade“, bedauert der BSA-Obmann. Dabei seien die Möglichkeiten in Bezug auf Entwicklungsmöglichkeiten und Aufstiege in höhere Spielklassen bedeutend besser als bei den männlichen Kollegen. Hier sieht der Obmann vor allem die Vereine in der Pflicht, die „noch einen erheblichen Optimierungsbedarf“ hätten. Besonders stolz ist der BSA dabei auf die Schiedsrichterinnen, die dabei sind: „Sie machen ihre Sache wirklich gut – darauf können sie genauso stolz sein wie wir“.


Abgesehen vom Frauen-Anteil ist der BSA Bergedorf mit seinem Nachwuchs aber durchaus zufrieden. Eine gewisse Fluktuation sei allerdings üblich, denn im Normalfall werden zwar jedes Jahr viele neue Schiedsrichter*innen ausgebildet, aber etwa genauso viele scheiden auch aus. Ob aufgrund von Umzug, Studium, anderen Interessen oder altersbedingt– die Gründe seien vielfältig. „Der ausgebildete und erfolgsorientierte Nachwuchs macht uns aber Spaß“, erzählt Günther Adermann, „und die Erfolge stellen sich sukzessive für die Kameraden ein“. Neben dem eigenen Talent der Kamerad*innen trügen dazu auch die Weiterbildungsangebote bei.




Die Gesichter des BSA Bergdorf

Kümmert sich um die Statistiken: Max Beyer. Foto: BSA Bergedorf

Aktuell hat der BSA Bergedorf mit Adrian Höhns (TuS Dassendorf) einen Schiedsrichter, der in der kommenden Serie in der neu geschaffenen Futsal-Bundesliga eingesetzt wird. In der Futsal-Regionalliga sind Cindy Dühring (Escheburger SV) und Danny Stöver (SV Nettelnburg-Allermöhe) im Einsatz. Beim Fußball ist aktuell kein*e Schiedsrichter*in in den ersten drei Ligen vertreten, aber in der Regionalliga pfeifen mit Adrian Höhns, Florian Pötter (FC Voran Ohe) und Jarno Wienefeld (VfL Lohbrügge) drei Vertreter, für die es vielleicht noch weiter nach oben geht.
Im VSA sind weitere sieben Kameraden tätig: Max Beyer (SC Vier- und Marschlande) Paul Dühring (SV Nettelnburg-Allermöhe), Björn Friedsch (SV Börnsen), Tim Kossek (SC Wentorf), Marvin Vogt (SV Börnsen), Dennis Voß (TuS Dassendorf) und Kelvin Wodrich (TSV Reinbek). Im Nachwuchskader des VSA dürfen sich mit Jan Strauch (SC Wentorf) und Enrico Zielinski (SC Wentorf) zwei Kameraden beweisen.

 
Dass auf DFB-Ebene niemand an der Linie oder auf dem Platz steht, war allerdings nicht immer so: Mit Uwe Ennuschat (TSG Bergedorf) war schon einmal ein Schiri des BSA Bergedorf als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga eingesetzt. Auch international FIFA-Schiedsrichter-Assistent, u.a. bei Einsätzen im UEFA-Pokal der Landesmeister, war er dabei und durfte 1992 das Finale Sampdoria Genua gegen FC Barcelona im alten Wembley-Stadion begleiten. Zu Länderspielen war Ennuschat ebenso eingeladen; einer seiner sportlichen Höhepunkte war die Europameisterschaft 1992 in Dänemark.

In der 2. Bundesliga waren außerdem Werner Oltmann (als Schiedsrichter, zuletzt FC Voran Ohe) und Werner Schenck (als Schiedsrichter-Assistent, VfL Lohbrügge) zuhause.
 
Interessant ist auch, dass Schiedsrichter*innen den umgekehrten Weg gegangen sind, erinnert sich Günther Adermann: „Als Schiedsrichter*innen angefangen, haben sie als Fußballer*in den Weg in die Bundesliga gefunden: Anna Hepfer, ehemals Schiedsrichterin beim SCVM, sowie Martin Harnik, ehemals Schiedsrichter beim SCVM, und Max Kruse, ehemals Schiedsrichter der TSV Reinbek“.

Stolz ist der BSA Bergedorf vor allem darauf, die Schiedsrichterei auch Menschen mit Handicap zu ermöglichen. Einen taubstummen Kameraden haben sie, erzählt Adermann, der im Jahr 2019 sein 50-jähriges Jubiläum als Schiedsrichter feiern konnte. „Wir konnten es ermöglichen, dass ihm zu Ehren hierfür gar zwei Gebärdendolmetscherinnen auf dem Ehrungsabend dabei waren, die dafür sorgten, dass ihm dieser Abend unvergessen blieb. Sport verbindet uns alle – in der gesamten Sportwelt und speziell im BSA Bergedorf leben wir eben ganz besondere Werte“ erzählt er stolz.

Von (digitalen) Lehrveranstaltungen, Regelschulungen und (keinen) Anwärterlehrgängen

Uwe Ennuschat (TSG Bergedorf) war FIFA-Linesman – Foto HFV-Archiv

Zum Tagesgeschäft des BSA Bergedorf gehören normalerweise Lehrgänge und Lehrveranstaltungen. In der Corona-Zeit fallen diese Zusammenkünfte aus. Stattdessen weicht man auch im BSA auf digitale Lösungen aus: Regelschulungen, vorbereitet von Lehrwart Dennis Krohn und Jarno Wienefeld, finden aktuell monatlich per Videokonferenz statt. Bei der Teilnehmerzahl allerdings sei noch Luft nach oben: „Der Besuch ist okay, könnte aber noch besser angenommen werden. Viele der Kamerad*innen präferieren eben eine Präsenzveranstaltung“, erklärt Günther Adermann.
Anwärterlehrgänge machen derzeit keinen Sinn, da die neu ausgebildeten Schiedsrichter*innen ihre neu erworbenen Kenntnisse nicht anwenden könnten, erzählt Günther Adermann. „Daher haben wir uns entschieden, hiermit erst wieder zu beginnen, wenn absehbar ist, dass der Spielbetrieb wieder starten kann“.


Normalerweise – wenn keine Corona-Pandemie ist – finden jährlich zwei oder drei Anwärterlehrgänge im BSA Bergedorf statt. Parallel hierzu möchte der BSA die Ausbildung für Paten anbieten, damit neu ausgebildete Schiedsrichter*innen in ihren ersten Spielen eine Begleitung haben. Diese Unterstützung soll vor allem Rückendeckung geben, sollte es doch mal wieder zu Spannungen kommen. Auch für die Schiedsrichter-Beobachter gibt es regelmäßig Arbeitstreffen, um sich auszutauschen und sich vom Niveau anzugleichen. Einmal im Jahr treffen sich außerdem die Vereins-Schiedsrichter-Obleute, um sich außer der Reihe einmal intensiver austauschen zu können.

Außerdem stehen Workshops für die Leistungsklassen- und Nachwuchs-Schiedsrichtern*innen und für die VSA-Schiedsrichter*innen auf dem Plan sowie zweimal im Monat Regelabende für alle Schiedsrichter*innen. Ob allgemein gehaltene Lehrabende oder spezialisierte Lehrabende – „Unser Lehrwart Dennis Krohn macht einen hervorragenden Job“, lobt Adermann und hebt die Relevanz von Weiterbildung im BSA Bergedorf hervor – alles mit dem Ziel, die Performance der Schiedsrichter*innen auf dem Platz zu optimieren. Viele Kamerad*innen nutzten die Angebote heute schon regelmäßig, dennoch sei hier noch Luft nach oben.

Um sich fit zu halten, bietet der BSA seinen Schiedsrichter*innen einmal wöchentlich ein Training an, bei dem Spaß, Kameradschaftspflege, Bewegung und Erfahrungsaustausch im Vordergrund stehen – in Corona-Zeiten natürlich nicht, versteht sich. Vor Corona waren die Termine gut besucht, erzählt Adermann. Dabei werden diejenigen, die sich mehr einsetzen als andere, belohnt, sei es in der Quantität und auch vermeintlichen Qualität von Spielen.

Wie alle anderen können sich auch die Schiedsrichter*innen momentan nur individuell fit halten. „Wir wünschen uns, dass dieses auch alle machen“, so Adermann. Denn zur nächsten Serie steht wieder eine Leistungsprüfung für die Leistungsklassen-Schiedsrichter*innen an. Sollte die nicht bestanden werden, können diejenigen, die ihr Ziel nicht erreichen, nicht mehr in der vorgesehenen Spielklasse Spiele leiten. Aber Günther Adermann ist zuversichtlich: „Wir sind optimistisch, dass wir alle in ihren Klassen halten können“.

„Wir haben halt Spaß miteinander“

Nach der Arbeit kommt das Vergnügen, sagt man so schön. Doch natürlich können auch im BSA Bergedorf die sonst jährlich stattfindenden Veranstaltungen wie Ehrungsveranstaltungen mit Jahresabschluss und Grünkohlessen, oder Saisonabschlüsse seit ´März 2020 nicht mehr realisiert werden. Auch ein jährliches Fußball-Turnier der Schiedsrichter, das Herbert-Kuhr-Turnier, veranstaltet der BSA Bergedorf normalerweise im Wechsel mit den sieben anderen Bezirken. Kicken, grillen und in geselliger Runde zusammensitzen – all das gehört sonst dazu im BSA. „Wir haben halt Spaß miteinander“, erzählt Günther Adermann und freut sich auf eine Zeit, in der all das nachgeholt werden kann. 


[Jana Münnig]