16.05.2019

„Ein Verein, der sich bewusst für Vielfalt einsetzt, wird es einfacher haben, junge Talente zu sichern“

Steffen Fischer engagiert sich im HFV für das Thema "Sexuelle Vielfalt"

Am 17. Mai ist der Internationale Tag gegen Homophobie. Ein internationaler Aktionstag, der sich gegen Diskriminierung und für Toleranz und Aufklärung einsetzt. Auch der Hamburger Fußball-Verband ist sich der Wichtigkeit des Themas bewusst. Daher gibt es in der Kommission für gesellschaftliche und soziale Verantwortung eine Personalie, die sich gezielt für die „sexuelle Vielfalt“ einsetzen soll: Steffen Fischer. Im Interview mit Judith Rönnau hat er über seine Rolle gesprochen.

HFV: Steffen, du bist der Ansprechpartner in der Kommission für „Sexuelle Vielfalt“ – wie ist es dazu gekommen?
Steffen: Claudia Wagner-Nieberding (Vorsitzende der Kommission) und ich kennen uns bereits seit der tollen Zusammenarbeit im Vorfeld der schwul-lesbischen Europameisterschaft, die wir von STARTSCHUSS SLSV Hamburg e.V. (Hamburgs Sportverein für Schwule und Lesben) 2015 in Hamburg ausgerichtet haben. Der HFV hat uns damals prima unterstützt, so dass das Turnier zu einem tollen Event geworden ist. Danach sind wir in Kontakt geblieben und haben uns immer wieder über aktuelle Entwicklungen ausgetauscht. 2017 hat Claudia mich dann gefragt ob ich diese Aufgabe übernehmen möchte – das hat mich sehr gefreut.

HFV: Warum hast du dich dazu entschlossen diese Aufgabe zu übernehmen?
Steffen: Ich denke, das Thema bekommt bzw. bekam in Hamburg etwas zu wenig Aufmerksamkeit. Wohl schlicht, weil es keine Person bzw. Stelle gab, die dieses Thema vorangetrieben hat. Ich sehe zum einen eine Offenheit, die Arbeit zu unterstützen, aber zum anderen auch weiterhin eine Notwendigkeit, das Thema LGBTIQ (engl. Abkürzung für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender) weiter nach vorne zu bringen. Da gibt es Herausforderungen, aber das ist ja auch reizvoll.

HFV: Was macht für dich die Arbeit in der Kommission aus?
Steffen: In der Kommission arbeiten ganz wunderbare Menschen, die sich teilweise seit vielen Jahren für ihre Themen verdient gemacht haben. Sie leisten Tag für Tag tolle Arbeit und motivieren mich, mit meinem Thema „sexuelle Vielfalt“ ebenso viel zu erreichen.
Die Kommission selber ist ein Ort zum Austausch von Erfahrungen (Erfolgen wie Misserfolgen) und der Diskussion von aktuellen Entwicklungen. Das macht Spaß und zeigt mir, an welchen Stellen der Verband bereits aktiv ist und wie wenig man häufig davon mitbekommt, wenn man nicht tief drinsteckt.

„Ich möchte ein bisschen was zurückgeben“

Steffen Fischer ist der HFV-Beauftragte für "Sexuelle Vielfalt" Foto: privat

HFV: Hast du dich schon vor deiner Tätigkeit in der Kommission für den Hamburger Fußball engagiert?
Steffen: Ehrlich gesagt nein. Ich lebe seit 2009 in Hamburg und habe bis 2015 eher passiv von den Strukturen des HFV profitiert, nämlich als Spieler beim SC Sternschanze. Auch das ist ein Grund für meine Aktivität: Ich möchte auch ein bisschen was zurückgeben vom Erlebten.

HFV: Wie wichtig findest du es in der heutigen Zeit, dass sich die Gesellschaft bewusst mit Themen wie der sexuellen Vielfalt im Fußball beschäftigt?
Steffen: Aus meiner Sicht ist das Thema sehr wichtig. Natürlich wird es wieder viele geben, die sagen „Ach, das ist doch ein Nischenproblem. Warum kümmert sich der Verband nicht um die wirklich wichtigen Dinge?“. Aber für mich ist das hier ein wirklich wichtiges Thema.
LGBTIQ-Menschen haben es in ihrem Leben immer noch deutlich schwerer, und das gilt vor allem für die Phase des ersten Coming Outs bei Familie und Freunden. Hier haben LGBTIQ-Jugendliche eine deutlich höhere Suizidrate und einen drastisch höheren Anteil an psychischen Erkrankungen als der Durchschnitt. Daher hat der Fußball, der im Leben vieler Jugendlicher eine wichtige Rolle einnimmt, die Verantwortung, Offenheit und Toleranz für alle Lebensweisen zu demonstrieren und von Spielern, Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären einzufordern.

HFV: Wo siehst du in der Zukunft die größten Herausforderungen für die Gesellschaft, aber auch den Fußball, im Hinblick auf die sexuelle Vielfalt (es gibt inzwischen ja deutlich mehr sexuelle Orientierungen als homosexuell, heterosexuell)?
Steffen: Aktuell wird das Thema Transsexualität intensiv diskutiert. Die Herausforderung für den Fußball – wie übrigens auch für viele andere Sportarten – liegt in seiner binären Struktur: es gibt Frauen- und es gibt Männerfußball. Wenn ein transsexueller Mensch eine Geschlechtsangleichung durchführen lassen will, die ohnehin eine extrem hohe Belastung für sich selber und das gesamte Umfeld über einen längeren Zeitraum darstellt, dann sind Diskussionen, ob und ab wann die Person jetzt noch in der alten oder bereits der neuen Geschlechts-Kategorie teilnehmen kann, sehr schmerzhaft.
Hier haben sich beim Vernetzungstreffen im November beim DFB in Frankfurt mehrere Verbände gemeldet, in denen diese Situation aufgetaucht ist. Da gilt es nun für den Spielausschuss, eine Lösung zu entwickeln, die möglichst viele der Anforderungen unter einen Hut bringt und vor allem Trans-Menschen die Möglichkeit gibt, ohne Diskriminierung in ihrem gewünschten Umfeld Sport zu treiben.

„Der Mensch Steffen stand im Mittelpunkt“

Fischer (Mitte) ist sowohl als Trainer als auch Spieler aktiv Foto: Torsten von Beyme-Wittenbecher

HFV: Du selber bist aktiver Fußballer und Trainer und offen schwul. Wie sind deine bisherigen Erfahrungen im Fußball mit Hinblick auf Diskriminierung o.ä.?
Steffen: Ich selber habe das große Glück, sehr wenig Diskriminierung erlebt zu haben. Ich bin in Egelsbach in der Nähe von Frankfurt großgeworden und mit meinen Freunden zusammen alle Jugendteams durchlaufen. Sie kannten mich als Typen, und als ich mich bei ihnen geoutet habe, stand für sie der Mensch Steffen im Mittelpunkt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Während meines Studiums in Lüneburg habe ich bei Treubund gespielt, einem Arbeiter- und Studentenverein, den ich mir auf Ratschlag eines Kommilitonen bewusst ausgesucht hatte. Und auch in Hamburg hatte ich die Möglichkeit, mir meinen Verein gezielt herauszusuchen – das Klima und die Mannschaftsmitglieder sind auf dem Niveau, auf dem ich spiele, deutlich wichtiger als das sportliche. So ist es auch bei meinem aktuellen Verein, dem SC Sternschanze. Dort habe ich mein Glück gefunden.
Auch hier sind aber Ausdrücke wie „schwuler Pass“ oder „Spiel nicht wie ne Schwuchtel“ gefallen – oft verbunden mit einem „Steffen, Du weißt ja, wie ich es gemeint habe“ und einer Entschuldigung. Natürlich weiß ich, dass ich mich auf meine Mannschaftskameraden verlassen kann. Aber das ist genau die Sorg- und Gedankenlosigkeit, an der ich arbeiten möchte.
Als Trainer der Ballboys (das ist die Herren-Fußballmannschaft von Startschuss) habe ich aber auch anderes mitbekommen: ein Spieler, der sich bereiterklärt hat in einem anderen Verein als Spielertrainer zu fungieren, musste auf einmal alleine duschen bzw. die Mitspieler duschten nur noch mit Unterhose. Oder ein ehemaliger Landesliga-Spieler, dem das ganze stressige Versteckspiel zu viel wurde. Ein großartiges Talent, das dem Hamburger Fußball entgangen ist, denn er hat sich zu einem sehr frühen Karriereende entschieden

HFV: Wie schwer ist ein Outing im Fußball?
Steffen: Aus meiner Sicht kann das sehr unterschiedlich sein, denn jede Mannschaft, jeder Verein und jede Lebenssituation ist anders. Wenn ein schwuler Spieler oder eine lesbische Spielerin das Gefühl von Sicherheit in seiner Mannschaft spürt, dann kann es etwas sein, das ihm in Folge sogar mehr Sicherheit gibt und das entgegengebrachte Vertrauen von seinen Mannschaftskameraden wertgeschätzt wird.
Gleichzeitig ist meine Vermutung, dass das Coming Out immer schwieriger wird, je höher die Spielklasse ist. Denn dort geht es nicht mehr nur um den Spaß und das Hobby, sondern irgendwann auch um Geld und den Anschlussvertrag. Hier ist es wichtig, dass der Trainer und die Verantwortlichen im Verein jedem Spieler die Sicherheit geben, ihn so akzeptieren, wie er ist. Gelingt das nicht, kann ein Wechsel zu einem Verein mit einer anderen Haltung sinnvoll sein – es gibt durchaus Vereine in HH, die sich bei diesem Thema klar und eindeutig positionieren.

„Die junge Generation wird Diskriminierung nicht hinnehmen“

HFV: Was läuft deiner Meinung nach im Hamburger Fußball schon gut?
Steffen: Es gibt eine große Offenheit innerhalb des Verbandes, das finde ich gut. Das konnten wir in Vorbereitung für 2015 spüren. Und das Bewusstsein, wie wichtig Symbole sind, ist vorhanden: Der HFV hat eine eigene Regenbogen-Fahne mit seinem Logo, die im letzten Sommer erstmal zur Eröffnung der Jugendfußballsaison gehisst wurde und auch beim Ehrenamts-Abend im Grand Elysee Hotel deutlich sichtbar platziert wurde. Zudem hat der HFV mit Claudia natürlich eine erfahrene Person, die im gesamten DFB sehr gut verdrahtet und verbunden ist. Sie verfügt über ausgezeichnete Kontakte und arbeitet bereits lange und erfolgreich für diese Themen in den Gremien des DFB (z.B. als Leiterin der AG Vielfalt) und dem Präsidium des HFV. Claudia ist ein echter Schatz – und ein toller Mensch.

HFV: Was kann jeder einzelne Verein bei sich ändern/anpassen, um eine Umgebung zu schaffen, in der jeder – egal welcher sexuellen Orientierung – gerne Fußballspielt?
Steffen: Jeder einzelne sollte sich bewusst machen, was seine Worte und Aussagen bei Menschen anrichten können. Ein Verein, der sich offen zeigt und sich bewusst für Vielfalt entscheidet und einsetzt, der wird es einfacher haben, junge Talente zu sichern und Menschen zu halten, für die LGBTIQ und Vielfalt insgesamt wichtig ist. Wir haben eine junge Generation, die in den Vereinen heranreift, die aktuell jeden Freitag für ihre eigene Zukunft auf die Straßen geht. Sie wird sich nicht damit abfinden, dass Trainer und der Mannschaftskapitän nichts dagegen tun, wenn ein schwuler Spieler diskriminiert wird.


* Im Interview wird aus Gründen der Lesbarkeit überwiegend die männliche Form verwendet. Der Interviewte legt Wert darauf, dass er sich im Themenbereich sexuelle Vielfalt für alle LGBTIQ*-Menschen einsetzt und die Formulierung keine Diskriminierung darstellen soll.