10.06.2021

Draußen muss drin sein: Petition an Politik übergeben

Erfolgreiche Aktion des DFB, DOSB und aller DFB-Landes- und Regionalverbände

Mit über 96.000 Unterschriften wurde die Petition an die Politik übergeben. Fotos: DFB

Draußen muss drin sein für den Amateur- und Breitensport. Bundesweit, schnell und dauerhaft. Fast 100.000 Menschen haben innerhalb von drei Wochen die gemeinsame Petition des DFB und DOSB unterschrieben, welche die Wiederzulassung des Freiluftsports fordert. Zu den Unterstützer*innen gehören prominente Namen wie Bundestrainer Joachim Löw, der aktuelle Nationalspieler und EURO-Teilnehmer Robin Gosens, die zweimalige Europameisterin Celia Sasic und Weltmeisterkapitän Philipp Lahm. Am Mittwoch ist das Ergebnis der Petition der Politik zugegangen – verbunden mit flammenden Appellen aus dem Sport.

Die symbolische Übergabe erfolgte auf dem Sportplatz des SC Berliner Amateure durch Vertreter*innen von DFB, DOSB, Berliner Fußball-Verband, Landessportbund Berlin und Amateurvereinen. Der Berliner Senator für Inneres und Sport, Andreas Geisel, nahm das Dokument mit der Zahl der Unterstützer*innen (exakt 96.582 an der Zahl) stellvertretend für die Konferenz der Ministerpräsident*innen der Länder entgegen. Darüber hinaus ist dem Vorsitzenden der Ministerpräsident*innenkonferenz und Regierenden Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, sowie dem Vorsitzenden der Sportminister*innenkonferenz, Roger Lewentz (Innenminister Rheinland-Pfalz), ein offizielles Schreiben mit den gesammelten Unterschriften zugegangen.

Die wichtigsten Forderungen des Amateur- und Breitensports

Darin sind nach der Aufhebung der bundesweiten Notbremse die wichtigsten Forderungen des organisierten Amateur- und Breitensports an die Konferenz der Ministerpräsident*innen zusammengefasst:

  • Freiluftsport muss wieder flächendeckend ohne jegliche Beschränkung bei Einhaltung der jeweiligen Hygienekonzepte möglich sein.
  • Bei weiter sinkenden Infektionszahlen, steigender Impfquote und weniger schweren Krankheitsverläufen muss der Wettkampfbetrieb des Amateursports schnellstmöglich wieder uneingeschränkt zugelassen werden.
  • Auch die schrittweise Rückkehr von Zuschauer*innen auf die Sportplätze muss mit der Wiederaufnahme des Wettkampfbetriebs möglich sein. Hier darf es zu keiner Ungleichbehandlung der Sportveranstaltungen mit anderen Veranstaltungen kommen.

"Bedeutung des Sports ist nicht hoch genug einzuschätzen"

Die Vertreter*innen des Sports nutzten bei strahlendem Sonnenschein in der Hauptstadt die Gelegenheit, die Übergabe der Petition mit eindringlichen Appellen an die Adresse der Politik zu unterlegen. "Sport war und ist kein Pandemietreiber, der Sport ist mit seinen 90.000 Vereinen dringend erforderlich für Gesundheit in unserem Land. Man kann die Bedeutung des organisierten Sports gar nicht hoch genug einschätzen. Ich wünsche mir, dass man das stärker sieht", sagte DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann.

Die stellvertretende Generalsekretärin Heike Ullrich betonte: "Vereine geben vielen Menschen Halt, Vereine sind für viele Menschen Familie und Heimat. Im Verein werden Werte gelebt, das ist unbezahlbar. Uns ist sehr bewusst, dass wir weiter Hygienekonzepte benötigen werden. Ich habe da großes Vertrauen in unsere Sportlerinnen und Sportler, in unsere Klubs. Wir haben in den letzten 15 Monate alle sehr viel gelernt."

"Die soziale Aufgabe der Vereine wird unterschätzt"

Neben den beiden DFB-Vertreter*innen war der Präsident des Berliner Fußball-Verbandes, Bernd Schultz, bei der Petitionsübergabe mit vor Ort. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wurde durch seinen Vizepräsidenten Wirtschaft und Finanzen, Kaweh Niroomand, repräsentiert. Thomas Härtel vertrat den Landessportbund Berlin. Hinzu kamen Vorstandsmitglieder und Spieler*innen des gastgebenden SC Berliner Amateure und des FFC Berlin.

"Es ist ein riesiges Glücksgefühl, dass die Kinder wieder raus können und Sport treiben dürfen", schilderte Yvonne Schumann, Vorsitzende des FFC Berlin: "Ich wünsche mir sehr, dass der Amateursport bei der Politik nicht untergeht und dass nicht nur an den Profibereich gedacht wird. Die soziale Aufgabe des Sports und seiner Vereine wird aus meiner Sicht etwas unterschätzt."

Beim Berliner SC Amateure war die Traurigkeit im vergangenen Jahr besonders groß. Eigentlich wollte der 1920 gegründete Verein in würdigem Rahmen seinen 100. Geburtstag feiern, das machte die Pandemie unmöglich. Mehr als zwei Jahre Vorbereitungszeit waren futsch. Viel wichtiger aber für den Vorsitzenden Herbert Borchert: "Die Kids gehören auf Platz. Wir arbeiten hier sehr kontrolliert, wir sind ein multikultureller Verein mit Mitgliedern aus mehr als 20 Nationen, dafür müssen wir etwas tun. Ein weiterer Lockdown wäre sehr, sehr kritisch."

Wunsch nach stärkerer Wahrnehmung und Wertschätzung

Mehr als ein halbes Jahr stand der Amateursport in Deutschland im zweiten Lockdown nahezu still. Seit wenigen Wochen ist organisierter Freiluftsport wieder möglich, allerdings vielerorts unter weiterhin erheblichen Einschränkungen. Die Regelungen für die Vereine unterscheiden sich je nach Bundesland und Region. Bundesweit betrachtet bleibt die Situation für den Amateursport schwierig.

Allein im Fußball waren seit Oktober 2020 knapp 140.000 Mannschaften zur Bewegungslosigkeit verurteilt - obwohl alle bisherigen Erkenntnisse in der Pandemie aufzeigen, dass auf dem Spielfeld nur ein äußerst geringes Ansteckungsrisiko besteht. Seit Monaten warnen immer mehr Expert*innen aus Medizin und Wissenschaft, unter anderem aus Aerosolforschung, Epidemiologie und Sportwissenschaft, vor den gesundheitlichen und gesellschaftlichen Gefahren, die mit dem langen Verbot des organisierten Sporttreibens einhergehen. Vor allem für Kinder und Jugendliche werden negative Langzeitfolgen befürchtet.

Nicht zuletzt geht es mit der Petition auch um eine angemessenere Wahrnehmung und Wertschätzung des Amateur- und Breitensports, der mit seinen Angeboten maßgebliche positive Effekte auf Gesellschaft, Gemeinschaft und Gesundheit hat. Insgesamt sind unter dem Dach des DOSB 90.000 Sportvereine mit 27 Millionen Mitgliedern organisiert, darunter 24.300 Vereine und 7,06 Millionen Mitglieder aus dem Fußball. 

Senator Geisel: "Was möglich ist, muss möglich gemacht werden"

"Der Sport muss wieder in Gang kommen. Die große Erwartung, die wir an die Politik haben und die wir an der Seite des DFB mit der Petition zum Ausdruck gebracht haben: Wir müssen das jetzt organisieren, wir müssen aus den Erfahrungen der vergangenen Monate die Lehren ziehen", erklärte DOSB-Vizepräsident Kaweh Niroomand: "Die Politik muss nun eine aktive Rolle für die sportliche Bewegung speziell im Sinne der Jugend einnehmen. Der Sport ist bereit. Er hat bewiesen, wie flexibel, wie kämpferisch und wie sozial er ist."

Andreas Geisel, Senator für Inneres und Sport in Berlin, nahm die zugespielten Bälle offen auf: "Der Sport spricht zurecht an, dass Schäden entstanden sind. Ich muss akzeptieren, wenn in dieser Größenordnung geäußert wird, dass der Sport sich nicht angemessen wahrgenommen fühlt. Absichtlich ist das nicht geschehen. Ich verstehe die Ungeduld, die dahinter steckt. Ich kann versichern, uns war immer bewusst, welche Bedeutung der Vereinssport hat, vor allem für Kinder und Jugendliche. Wir haben stets um die richtigen Entscheidungen gerungen. Insgesamt waren es sehr schwere eineinhalb Jahre. Der Trend macht nun Hoffnung, ich bin erleichtert, dass die Infektionszahlen sinken." Für Berlin kündigte Geisel an, dass ab 18. Juni Spiele wieder möglich und keine Tests mehr im Außenbereich fürs Training nötig sein dürften. "Das, was möglich ist, muss möglich gemacht werden“, betonte er, „natürlich immer unter der Voraussetzung, dass es so sicher wie möglich ist."

Nachgewiesen hoher Wert des Amateurfußballs

Der gesellschaftliche Wert des Amateurfußballs wurde im vergangenen Jahr mit Hilfe einer wissenschaftlichen Modellrechnung in Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Fußball-Union (UEFA), dem DFB und zehn Universitäten errechnet. Basierend auf dem UEFA GROW SROI-Modell ("Social Return on Invest") beträgt die soziale und ökonomische Wertschöpfung des Amateurfußballs allein in Deutschland 13,9 Milliarden Euro pro Jahr. 

Das Modell quantifiziert den sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert, der deshalb entsteht, weil in mehr als 24.000 Amateurvereinen Fußball gespielt und ehrenamtliche Arbeit geleistet wird. Demnach senkt Fußballspielen unter anderem das Erkrankungsrisiko und damit Gesundheitskosten, wodurch 5,6 Milliarden Euro im öffentlichen Gesundheitssystem eingespart werden. Die Steigerung des subjektiven Wohlbefindens entspricht einer sozialen Wertschöpfung von 4,86 Milliarden Euro. Allen voran für Kinder und Jugendliche sind Amateursportvereine wichtige soziale Tankstellen. Tankstellen, die endlich wieder richtig angezapft werden sollen.

Health Media Award für "Draußen muss drin sein"

Für ihre gemeinsame Kampagne und Petition im Sinne des Amateursports sind DFB und DOSB mit dem Health Media Award ausgezeichnet worden. Der Award wird für herausragende Gesundheitskommunikation verliehen. Markus Berger, Vorsitzender des Health Media Award e.V., übergab die Trophäe an die beiden Dachverbände ebenfalls im Rahmen der Veranstaltung am Mittwoch in Berlin.

Berger hob die "treffsichere Themenwahl und die einfache wie gelungene Umsetzung der Kampagne" hervor. "Mit fast 100.000 Unterzeichner*innen überzeugt Draußen muss drin sein auch mit Reichweite. Rund 25.000 Kommentare unter der Petition zeigen außerdem, dass das Thema nicht nur viele Menschen erreicht, sondern diese auch betrifft und bewegt."

[DFB/ jb]