08.03.2018

„Die Emotionen beim Fußball verbinden die Menschen“

Weltfrauentag - INTERVIEW

Claudia Wagner-Nieberding - Foto Gettschat

Frauen im Fußball – es gibt sie mittlerweile. Nicht nur auf dem Platz, sondern immer häufiger auch auf Funktionärsebene. Eine, die es geschafft hat, in die einstige Männerdomäne vorzudringen, ist die Hamburgerin  Claudia Wagner-Nieberding – erst als Integrationsbeauftrage im Hamburger Fußball-Verband (HFV), seit 2013 als Leiterin der AG Vielfalt im Deutschen Fußball-Bund (DFB). Sportjournalist Volker Stahl sprach mit der Rechtsanwältin über ihre Aufgaben, die Altherrenriege im DFB und ihre Leidenschaft für den Fußball.

Sie sind Leiterin der „AG Vielfalt“ beim DFB. Welche Tätigkeit verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung?
Der DFB hat im Rahmen seines gesellschaftlichen Engagements verschiedene Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, darunter auch die AG Vielfalt. Ihre Aufgabe ist die Entwicklung neuer Ideen und die gemeinsame Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung von Vielfalt. Darunter fallen auch alle Aktivitäten mit dem Ziel der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund, ebenso wie die Förderung der Akzeptanz sexueller Vielfalt, der Inklusion und der Chancengleichheit von Männern und Frauen im Fußball, um nur einige Beispiele zu nennen.

Welche Akzente wollen Sie setzen?

Mein wichtigstes Anliegen ist es, daran mitzuwirken, eine zumindest empfundene Distanz zwischen dem DFB einerseits und den Landesverbänden und Vereinen andererseits zu verringern, für mehr Verständnis für beide Seiten zu werben und die Aktivitäten mehr aufeinander abzustimmen.

Vorbildliches Projekt: Kicking Girls

Wie kam der Kontakt zum DFB zustande? Sind Sie empfohlen worden, haben Sie sich beworben?
Der DFB ist auf mich zugekommen. Sie sind im Zuge meiner Tätigkeit als Integrationsbeauftragte auf mich aufmerksam geworden und haben mich für geeignet gehalten, diese Aufgabe zu übernehmen.

Sie waren vorher „Integrationsbeauftragte“ im Hamburger Fußball-Verband. Ihre Erfahrungen? Was haben Sie erreicht?
Als ich vor vielen Jahren das Amt übernommen habe, handelte es sich um ein vollkommen unbeackertes Land. Danach habe ich ein Integrationskonzept für den HFV entwickelt und sukzessive umgesetzt. Heute blicken wir auf viele Jahre verschiedener Aktivitäten zurück. Wir verleihen seit mehr als zehn Jahren einen eigenen Integrationspreis, wir haben das Thema als einer der ersten Landesverbände in unsere Qualifizierung mit aufgenommen, wir setzen seit vielen Jahren das Projekt Kicking Girls, das die Integration von Mädchen mit Migrationshintergrund durch und in den Fußball zum Ziel hat, in ganz Hamburg um, um nur einige Beispiele hervorzuheben. Dies alles wäre nie ohne die Unterstützung vieler überzeugter Menschen gelungen und ich bin ihnen dafür sehr dankbar, denn der Anfang war mitnichten einfach.

Sie sind öfter in Frankfurt beim DFB. Ihre Eindrücke? Besteht der DFB immer noch eher aus einer, nun ja, Männerriege?
Ich reise gern zum DFB. Dort hat man Gelegenheit, mit vielen fachkundigen Menschen sowohl im Haupt- als auch in den ehrenamtlich besetzten Gremien zusammenzuarbeiten und lernt viele interessante Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft kennen. Das ist inspirierend und macht Spaß.

Immer mehr Frauen beim DFB

Und: Ist der DFB „übermackert“?
Es sind in der Tat immer noch die Männer, die das Erscheinungsbild des DFB prägen. Aber die Frauen arbeiten sich vor. Und wir haben schon ein paar hoch kompetente Frauen in entscheidenden Positionen, so zum Beispiel Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg, die Leiterin der AG Umwelt Sonja Fuß, Direktorin Heike Ullrich, die Abteilungsleiterin für gesellschaftliche Verantwortung Stefanie Schulte… Es ist nur eine Frage der Zeit, bis weitere nachrücken. Potenzial gibt es genug.

Sie haben einmal gesagt: Ich möchte, dass sich meine Position irgendwann in Luft auflöst. – Wann, meinen Sie, könnte es soweit sein?
Da sehe ich bedauerlicherweise noch kein Licht am Ende des Tunnels. Ich habe sogar zurzeit eher den Eindruck, dass sich längst überwunden geglaubte Vorurteile und Gräben wieder verstärken, und das in der gesamten Gesellschaft, nicht nur im Fußball.

Was macht Hoffnung?
Hoffnung macht die große Anzahl von Menschen, auch in den Fußball- und Sportvereinen, die sich dieser Entwicklung entgegenstemmen und sich unbeirrt weiter für die Integration Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen einsetzen. Ihnen gebührt großer Dank und Anerkennung.

Bitte ein Wort zur sozialen Verantwortung des Fußballs?

Der Fußball hat ein unglaubliches und unvergleichbares Potenzial. Er erreicht die Menschen und vermag sie zu verbinden. Dieses Potenzial nicht nur für den Fußball, sondern auch für die Gesellschaft im positiven Sinne zu nutzen, darin liegt für mich die soziale Verantwortung des Fußballs.

Profis wie Cacau engagieren sich sozial

Ist der entfesselte Kapitalismus, in dessen Zeichen der Fußball zurzeit steht wie nie zuvor, nicht kontraproduktiv, wenn es darum geht, soziales Verhalten im Sport zu vermitteln? Ich erinnere an den Fall Aubameyang.
Als Vertreterin für den Amateurfußball bin ich über das Verhalten mancher Profi-Fußballer tatsächlich alles andere als glücklich. Auf der anderen Seite sind es derzeit zumindest noch eher Einzelfälle, die natürlich die Medienlandschaft beschäftigen. Es gibt aber durchaus auch viele Profi Fußballer, die sich persönlich gesellschaftlich und sozial engagieren. Nicht zu vergessen die Fußball-Größen wie Cacau und Thomas Hitzlsperger, die nach ihrer aktiven Karriere Funktionen im DFB übernommen haben. Hinzu kommt, dass meiner Erfahrung nach die Vorbildwirkung unserer Kinder- und Jugendtrainer eine entscheidendere Rolle zukommt.

Sie sind Rechtsanwältin. Ihr Schwerpunkt?
Mein Schwerpunkt ist Wirtschaftsrecht für Ärzte. Ich begleite Ärzte bei ihrer Niederlassung in einer eigenen Praxis, bei der Gründung von Kooperationen und bei der Abgabe ihrer Praxis an einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin.

Der HSV? Tragisch!

Haben Sie eigentlich selbst mal Fußball gespielt?
Nein, ich bin über den „Pausenhoffußball“ nie hinweg gekommen und im Übrigen nach Auskunft unserer Profis talentfrei.

Sie sind Mitglied im FC St. Pauli. Warum haben Sie sich für diesen Verein entschieden?
Ich habe schon vor vielen Jahren mitbekommen, wie gut es dem Verein gelingt, Kindern und Jugendlichen, die nicht unbedingt eine rosige Zukunftsperspektive haben, eine Heimat zu bieten. Das hat mich beeindruckt. Außerdem finde ich die Stimmung im Stadion immer noch einzigartig.

... bitte ein Wort zum HSV!
Tragisch. Ich leide mit unter der Abstiegsangst und wünsche mir, dass die Uhr entgegen allen Anzeichen nicht abgestellt wird.

Was fasziniert sie am Fußball?

Die Kraft und die Emotionen, mit denen er die Menschen verbinden kann, unabhängig von Herkunft oder Ähnlichem. Ich habe es beispielsweise beim FC St. Pauli immer wieder erlebt, wie sich Vorstandsmitglied eines Wirtschaftsunternehmens und Lagerarbeiter, die sonst eher wenig miteinander zu tun haben, gemeinsam dem Sieg ihrer Mannschaft entgegengefiebert haben und danach beim Bier über das Spiel gefachsimpelt haben. Daraus sind auch Freundschaften entstanden.

... und wo sehen Sie ihn kritisch?
Kritisch sehe ich, dass der Fußball von manchen als Freifahrtschein benutzt oder sogar dazu missbraucht wird, sich gewalttätig oder menschenverachtend zu verhalten. Das gehört nicht zum Fußball und dem muss entgegengetreten werden. Ebenfalls beobachte ich mit Sorge den großen Einfluss des Kommerz auf den Fußball, der sicherlich eine schwer aufzuhaltende Entwicklung darstellt, für mich aber auch die Gefahr birgt, dass sich die Menschen eines Tages von diesem tollen Sport abwenden.
(Das Interview erschien am 20.2.2018 im Sport Mikrofon)

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