47 Jahre Ehrenamt im HFV – Tschüss, Helmut Timmann!

Das Abschiedsinterview mit Helmut Timmann (VSA)

23 Jahre ein Gesicht des VSA: Helmut Timmann – Foto Gettschat

Nach 47 Jahren ist Schluss: Ende Juni 2022 gab Helmut Timmann sein letztes verbliebenes Ehrenamt im Hamburger Fußball auf. 1999 wurde er als Beisitzer in den Verbands-Schiedsrichterausschuss (VSA) gewählt, von 2000 bis Juni 2022 übernahm er dort die Ansetzungen der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Bis 1999 war er ganze 24 Jahre im BSA Bergedorf aktiv, davon 21 Jahre als Obmann. 47 Jahre Ehrenamt im Hamburger Fußball-Verband, davon 23 Jahre im VSA – der HFV bedankt sich für dieses außerordentliche Engagement!

Angefangen hatte alles 1964 beim SV Curslack-Neuengamme mit dem Schiedsrichterschein. Als Assistent schaffte er es bis in die Regionalliga, selbst gepfiffen hat er bis zur Verbandsliga (heutige Oberliga). Schiedsrichter-Beobachter, Vereins-Schiedsrichter-Obmann, Obmann des Bezirks-Schiedsrichterausschuss (BSA) Bergedorf, Beisitzer im VSA – die Liste von Helmut Timmanns Ehrenämtern ist lang.

Und in knapp 60 Jahren ist nicht nur in seinem Leben viel passiert: Es gab weder Computer noch die zweite oder dritte Fußball-Bundesliga. Wie kam man jemals ohne DFBnet klar? Wie wurden Schiedsrichter ohne digitale Kommunikation angesetzt und kurzfristig wieder abgesetzt? Und wohin stieg man eigentlich ab, wenn es keine 2. und 3. Liga gab? Wir haben nachgefragt bei dem, der es wissen muss. Helmut Timmann gibt uns einen Einblick in seine aktive Zeit und jene als Funktionär.

HFV: Seit fast 60 Jahren bist du der Schiedsrichterei durch deine Ehrenämter verbunden. Bis 1997 als aktiver Schiedsrichter, bis 1999 als Obmann des BSA Bergedorf und seitdem im VSA. Jetzt gibst Du Dein letztes verbliebenes Ehrenamt im VSA auf. Bist Du schon wehmütig?

Helmut Timmann nimmt seinen Hut – Foto Gettschat

Helmut Timmann: Eigentlich nicht. Ich habe das alles gerne und lange gemacht. Die Zeiten ändern sich und die Ansprüche auch und ich denke, es ist besser, wenn das jetzt jemand Jüngeres macht, der vielleicht auch besseren Kontakt zu den Schiedsrichtern hat, die ja heute auch jünger sind als ich. Und so bleibt mir ab jetzt erspart, sonntags morgens angerufen zu werden, um Schiedsrichter kurzfristig neu anzusetzen, wenn jemand ausfällt. Die Arbeit hat natürlich auch viel Spaß gemacht! Es war eine schöne Zeit, aber irgendwann muss Schluss sein.

HFV: Was machst Du jetzt mit so viel neuer Freizeit?

Helmut Timmann: Ich werde sicherlich nicht ganz verschwinden, vielleicht mal beim Training der Schiedsrichter oder bei Fußballspielen vorbeischauen. Aber das ist nicht der Hauptersatz. Ich denke, ich werde andere Dinge machen: Reisen, Fahrradfahren, Arbeiten am Haus – das mache ich jetzt auch schon und das macht mir viel Spaß. Auch im Garten muss viel gemacht werden. Ich werde mich sicherlich nicht morgens um 9 Uhr vor den Fernseher setzen, weil ich nicht weiß, was ich machen soll. Die Zeit werde ich jetzt sehr gut füllen können – auch ohne die Schiedsrichterei. Ich freue mich, dass jetzt der Druck wegfällt. Deshalb habe ich vor einigen Jahren auch mit dem Beobachten aufgehört. Denn auch als Beobachter ist man fast jedes Wochenende unterwegs – das ist sehr zeitintensiv und Vieles bleibt über lange Zeit auf der Strecke – Fahrradtouren, Urlaube, Unternehmungen. Darauf freue ich mich jetzt sehr.

HFV: DFB-Verdienstnadel, silberne und goldene Ehrennadel des HFV. Die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes wurde Dir von der Stadt Hamburg erst letztes Jahr verliehen. Nicht zuletzt diese vielen Auszeichnungen drücken aus, wie außergewöhnlich Dein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement ist. Was war Deine Motivation?

Helmut Timmann: Schiedsrichter bin ich geworden, weil mein Verein Schiedsrichter brauchte, und weil ich gemerkt habe, dass es fußballerisch bei mir nicht weit reichte. Es muss ja auch jemand machen – wenn jeder sagt, ich mache das nicht, geht irgendwann nichts mehr. Das ist das Problem. Und dass ich dann als Funktionär angefangen habe, ist schleichend passiert. Weil der Vereins-Schiedsrichterobmann aufhörte, habe ich zunächst dieses Amt übernommen.

Als ich in den BSA Bergedorf gewählt wurde, sind mir vor allem die Skatrunden in Erinnerung geblieben. Als dann der Obmann kurzfristig nach Frankfurt am Main zog, hat man schnell Ersatz gesucht. Damals liefen gerade die Vorbereitungen für das 50-jährige Jubiläum des BSA. Das war viel Arbeit, aber weil es kein anderer machen wollte, habe ich damals das Amt übernommen – und das ist lange so geblieben. Bis ich 1999 im VSA angefangen habe. Dazu bin ich gekommen, weil der damalige Vorsitzende mich angesprochen hatte.

2021 erhielt Timmann die Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes von der Stadt Hamburg

Als dann Fiete Retzmann 2000 verstarb, habe ich das übernommen – Ansetzungen kannte ich ja auch aus Bergedorf. Damals sagte Wilfred Diekert zu mir: „Weißt du was? Das machst Du jetzt!“ – da wurde nicht gefragt, und am nächsten Tag hatte ich alle Unterlagen und es ging los. Es war für mich immer besonders wichtig, dass die Harmonie im Ausschuss gestimmt hat. Das war in Bergedorf schon so, dass ich da Leute hatte, mit denen ich gut arbeiten konnte. Und im VSA war es genauso, dort waren wir auch immer ein gutes Team. Das war ein entscheidender Grund, weshalb ich so lange dabei war.

HFV: Du wirst nicht ganz verschwinden, oder?

Helmut Timmann: Nein, als kooptiertes Mitglied bleibe ich weiter im VSA dabei und werde ab und zu mal da sein bei Sitzungen. Aber nicht für die tägliche Routinearbeit – da bin ich nun raus.

Verabschiedung von Helmut Timmann (rechts) durch den VSA-Vorsitzenden Christian Soltow – Foto HFV

HFV: Seit fast 60 Jahren bist Du mit der Schiedsrichterei verbunden. Was sind die größten Veränderungen?

Helmut Timmann: Vor allem die EDV hat sich verändert – das war absolut die größte Veränderung. Als ich in Bergedorf mit den Ansetzungen angefangen habe – das kann sich heute keiner mehr vorstellen – da gab es eine EDV-Liste in DIN-A3, auf der alle Spiele des BSA Bergedorf standen. Und dann hat man den Schiedsrichter zum entsprechenden Spiel daneben geschrieben, hat das abgeschnitten und dann zum Verband gegeben. Das wurde damals noch im Mitteilungsblatt veröffentlicht – alles musste also nochmal abgetippt werden. Für die Spielberichte brauchte ich diese Daten aber auch, also habe ich mir ein riesiges Journal gekauft, die Spiele dort eingetragen und abgehakt, ob der Spielbericht eingegangen war, ob der Schiedsrichter da war und so weiter. Ein paar Jahre später gab es dann Kohlepapier – da hat man sich immer fürchterlich eingeschmiert. Zum Glück ersetzte später so ein beschichtetes Papier die Kohle, man hatte endlich auch eine Kopie und brauchte nicht alles doppelt aufschreiben. Und heute hat sich diese ganze Schreibarbeit zum Glück erledigt, alles ist digital, viel einfacher und schneller.

Dass wir heute einfach zu wenige Schiedsrichter haben, ist natürlich das Dauerthema. Aber es ist sehr schwierig, das richtig zu ergründen. Vor ein paar Jahren hatten wir eine Taskforce und haben die Gründe bei denen erfragt, die aufhörten – und die sind sehr unterschiedlich. Es gibt heute so viele andere Sportarten, andere Hobbies – zu meiner Zeit gab es nichts anderes, da war Fußball die Nummer Eins. Und bei 20 Mann in einer Mannschaft ging es natürlich auch darum, wer am Wochenende spielen durfte. Da hat sich jeder bemüht – das ist anders geworden.

HFV: Also hat sich die Mentalität geändert?

Helmut Timmann: Heute sehen die Schiedsrichter die Schiedsrichterei als Freizeit an und möchten selbst über die freie Zeit verfügen. Das passt dann nicht so optimal zusammen, denn die Schiedsrichterei verlangt schon ein hohes Maß an Zeit, an Planung, an Verfügbarkeit. Wenn ich mit Eltern spreche, merke ich, dass Vieles heute anders geworden ist. Es ist schwieriger als Ansetzer heute, weil sich doch eher mal abgemeldet wird am Wochenende, um andere Dinge zu machen. Früher, zu meiner Zeit in den siebziger Jahren war das anders. Wenn ich mal ein Spiel abgesagt habe, lag ich entweder krank im Bett oder es war etwas wirklich Wichtiges, zu dem mich meine Eltern mitzerrten. Diese Mentalität hat sich meiner Meinung nach geändert. Das ist schade, aber das ist heute ein anderes Verständnis von Freizeit, merke ich. Sich als Ansetzer darüber nicht zu ärgern, musste ich erst lernen. Das trifft aber so nicht auf die VSA-Schiedsrichter zu, da sind die Absagen doch in der Regel sehr viel geringer und sehr viel früher einzuplanen. Daher war das schon angenehmer als Ansetzer im VSA als im Bezirk.

Heute gibt es vielleicht auch weniger Schiedsrichter, die ambitioniert sind und weiterkommen wollen, die den Ehrgeiz haben, in der Regionalliga zu pfeifen oder höher. Ich habe den Eindruck, dass es früher mehr waren, die diesen Ehrgeiz hatten. Nun war es aber auch eine andere Zeit und damals hatten wir auch in Hamburg fünf oder sechs Bundesligaschiedsrichter und jetzt haben wir einen. Vorbilder fehlen daher heute vielleicht auch.

Der VSA 2019 mit Helmut Timmann (links) – Foto Gettschat

HFV: Du warst als aktiver Schiedsrichter bis in die höchsten Hamburger Klassen und bis zur Regionalliga – die zweithöchste Spielklasse damals – als Assistent aktiv. Wo hast Du am liebsten gepfiffen?

Helmut Timmann: Die Spiele im VSA waren schon angenehmer, weil da mehr Druck auf den Spielern lastete. Die sind nicht aus reinem Freizeitinteresse gekommen, sondern haben Geld bekommen und wollten auch in höhere Klassen aufsteigen. Dadurch war es als Schiedsrichter etwas einfacher, denn es gab diese kleinen Nickligkeiten nicht. Die Spieler konzentrierten sich aufs Fußballspielen und nicht aufs Sabbeln nebenbei. Das hat mir am meisten Spaß gemacht.

HFV: Woran erinnerst Du Dich besonders gerne zurück als aktiver Schiedsrichter oder als Funktionär im Verband?

Helmut Timmann: Sehr aufregend waren die ersten Einsätze als Assistent in der Regionalliga. Da bin ich das erste Mal als Assistent nach Göttingen gefahren. Göttingen 05 hat damals Regionalliga gespielt. Da wurde man als Schiedsrichtergespann empfangen, es wurde sich gekümmert. Das war schon etwas anderes als bei anderen Spielklassen. Und interessant war auch das erste Jahr als Braunschweig aus der Bundesliga abgestiegen war – erst waren sie 1967 Deutscher Meister und im nächsten Jahr sind sie abgestiegen, damals ja direkt in die Regionalliga. Und da stand ich dann als Assistent in Braunschweig auf dem Platz. Dort war alles sehr profimäßig. Da waren 10.000 oder 20.000 Leute – das ist schon eine Nummer! Das war schon beeindruckend, das erlebt zu haben.

In meiner Funktion beim HFV durfte ich zweimal mit den Auswahlteams reisen: 1996 als Delegationsleiter mit einem Auswahlteam nach St. Petersburg und 2013 mit einer Auswahlmannschaft nach Chicago. Das war richtig toll! Das waren Erlebnisse, die ich sonst nie erfahren hätte. Dadurch habe ich auch gemerkt, dass das, was ich für den Verband mache, auch honoriert wird. Und dann gebe ich auch gerne etwas zurück.

HFV: Danke für das Gespräch und dein jahrzehntelanges Engagement! Der HFV wünscht Dir alles Gute und vor allem Gesundheit für die Zukunft!

Helmut Timmann – 50 Jahre Schiedsrichter: Ehrung im BSA Bergedorf am 16.12.2014 durch den VSA-Vorsitzenden Wilfred Diekert und VSA-Beisitzer Frank Behrmann – Foto BSA Bergedorf
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